M004 (59195)

Auf eine gute Woche folgte eine schlechte und dann ist auch schon der vierte Advent und ich lege mir Texte und Aufgaben unter den Weihnachtsbaum.

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M003 (5919)

Der Podcast wird zum Arbeitstagebuch und meine Probleme ein Promotionsvorhaben zu formulieren, sind leider keiner Überraschung (sondern eher ein Klischee).

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how it feels to listen to podcasts (Meme)

Ein Junge sitzt auf dem Boden neben einer Werbung für Eis, hat selber irgendetwas zu Essen in der Hand und tut so, als würde er zusammen mit den drei abgebildeten Frauen über irgendetwas lachen. Die Überschrift: “how it feels to listen to podcasts”.

Das Meme ist von ca. 2017, wurde laut einer oberflächlichen Googlesuche im Subreddit von Joe Rogan populär und taucht seitdem in regelmäßigen Abständen immer wieder auf. Es ist ein typischer Fall von: Warum versuche ich überhaupt Dinge aufzuschreiben, wenn ich auch einfach auf ein Bild zeigen kann.

Was ich in dem Bild sehe

  • Der Junge sitzt auf Augenhöhe mit den Frauen. Bodennah. Er sitzt eng bei ihnen, aber sie sind doch weit weg, durch Raum, Zeit und soziale Schicht getrennt.
  • Das Werbebild ist kein Schnappschuss, soll aber etwas Ähnliches vermitteln. Dem Jungen ist für seinen Zweck (den Witz) egal, dass die Begeisterung Eis verkaufen soll.
  • Auch er hat etwas zu Essen in der Hand. Er gehört zur Nebenbeigemeinschaft, aber die Frauen schauen ihn nicht an. Brauchen sie auch nicht. („Das Gespräch macht einen sprechend schon beim Zuhören selbst.“)
  • Wer das ist und was sie zum Lachen gebracht hat, ist nicht so wichtig wie der geteilte Affekt.

ABER

Der Junge schaut in die falsche Richtung. Er müsste die Sicherheit der Gemeinschaft, – ihre unsichtbare Präsenz – meiner Meinung nach im Rücken oder auf seiner Schulter haben, aber auf jeden Fall außerhalb des direkten Sichtfeldes.1 Vielleicht würde es auch schon reichen, wenn er nicht zu ihnen, sondern in den leeren Raum vor dem Werbebild schauen würde. Die Frauen bei und neben ihm und nicht er bei ihnen. Aber das würde vielleicht das Bild und den Witz kaputt machen. Und dann braucht es doch wieder Sprache, um zu erklären, was sich nur schwer abbilden lässt, denn Audio kennt keine Standbilder.


Tilman Baumgärtel: GIFS (+ Parallelen zu Podcasts)

Szene aus Café Müller (Pina Bausch) [aus Pina (Wim Wenders)]

2017 habe ich meine Bachelorarbeit über GIFs geschrieben. Gesten des animierten GIFs. Unterbrochene Bewegungen in Gestalt ihrer Wiederholung war der dick aufgetragene Titel und es war eine bunte Mischung aus Tanz-, Theater- und Medientheorie mit einer ordentlichen Prise Technikgeschichte. Letztere hatte ich vor allem aus dem Buch Schleifen. Zur Geschichte und Ästhetik des Loops (2015) von Tilman Baumgärtel, einem tollen Buch, in dem er die Loopkultur der Gegenwart medienhistorisch über die Avantgarden des 20. Jahrhunderts bis zum körperbetonten Kino der Attraktionen und den ersten Bewegtbildapparaten hin zurückverfolgt. 2020 ist jetzt in der sowieso empfehlenswerten Reihe Digitale Bildkulturen von ihm das Bändchen GIFS1 erschienen, dass den Kreis für mich wieder schließt und wie es Loops so an sich haben, wieder in Bewegung setzt, denn plötzlich denke ich wieder über GIFs nach. Und darüber, was GIFs mit Podcasts zu tun haben.

Unheimliche, tanzende Bilder

Im Fazit meiner Bachelorarbeit nenne ich das GIF einen Auftritt mit Wiederholungszwang. Im zeitgenössischen Tanz (oder z. B. im epischen Theater) sind Wiederholungen ein übliches Mittel, um den Blick so zu verrücken, dass die Aufmerksamkeit auf die “Wörtlichkeit” des Körpers gerichtet wird. GIFs können richtig eingesetzt einen ähnlichen Effekt haben, sind zusätzlich aber auch noch zu auf der Bühne physisch unmöglichen Jump Cuts fähig. Die Wiederholungserfahrung überlagert sich so mit dem ostentativen Moment des „Hier bin ich!“. Genau das macht sie so hypnotisierend und ausdrucksstark.

Tilman Baumgärtel findet für diese mitunter unheimliche2 Kraft der technischen Wiederholung von Bildern ein schön-brutales Zitat bei der feministische Filmtheoretikern Laura Mulvey:

„Film, der der Wiederholung und Wiederkehr unterworfen ist, leidet – wenn er über neue Technologien betrachtet wird – unter der Gewalt, die durch die Entnahme eines Fragments aus dem Ganzen verursacht wird, die, wie bei einem Körper, seine Integrität »verwundet«. Doch gleichzeitig »entschlüsselt« dieser Prozess das Filmfragment und öffnet es für neue Arten von Beziehungen und Enthüllungen”3

Laura Mulvey: Death 24x a Second. Stillness and the Moving Image, S. 179
Parallelen von GIFs und Podcasts

Das GIF macht also eine Bewegung zur Geste, indem er Anfang und Ende festsetzt, sie aus ihrem Kontext reist und kommunikativ verfügbar macht, um Dinge auszudrücken, die face to face gar nicht so ausdrückbar wären. Was der klatschende Shia Labeouf in einer Chatsituation bedeutet, ist genau so kontextabhängig wie ein “haha”, aber gleichzeitig emotional viel spezifischer. Damit ich auf dieses gestische GIF-Vokabular so einfach zurückgreifen kann, gibt es Plattformen wie Giphy und Tenor, auf die Tilman Baumgärtel im letzten Kapitel des Buchs zu sprechen kommt. Diese Plattformen haben eine große Macht über die GIFs. Weil sie kontrollieren, was in ihren Katalog kommt und was nicht, aber auch, weil sie die technische Weiterentwicklung des Mediums in der Hand haben.

Bei Podcasts erlebe ich gerade etwas ähnliches. Auch hier ist es ein mächtiger Player, der Diskussionen darüber auslöst, was denn einen Podcast überhaupt ausmacht. RSS und offene Verzeichnisse scheinbar ja nicht, denn die passen nicht in das Geschäftsmodell von Spotify. Die Genrekonflikte, die solche Fragen aufwerfen, finden aber – und auch das ist eine Gemeinsamkeit von GIFs und Podcasts – weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Warum sollte sich auch irgendjemand dafür auch interessieren. Den Marketingabteilungen und Benutzer:innen ist das Label wichtig, das die Erwartung beschreibt, was ich da zu sehen oder hören bekomme, und nicht, was technisch dahinter steht. Und doch ist es ungeheuer wichtig was dahinter steht, weil man gerade bei GIFs und Podcasts sehen und hören kann, wie die technische Geschichte des Mediums ihre Erscheinung geformt hat oder genauer: wie die Limitierungen einer technischen Anordnung kreativ genutzt wurden, um neue Formen zu schaffen.

Wenn heute auf Twitter ein GIF geteilt wird, dann handelt es sich in der Regel um keine .gif Bilddatei, sondern um eine geloopte Videodatei. Der Bezeichnung GIF hat sich von ihrem Ursprungsmedium gelöst, wird aber ihre Technikgeschichte ästhetisch nicht so einfach los: ein geloopter Filmausschnitt, der zu lang ist oder eine zu hohe Auflösung hat, fühlt sich eben nicht wie ein GIF an. Das ist vergleichbar mit digitalen Filmaufnahmen, denen in der Postproduktion eine künstliche Körnung verpasst wird, damit das Bild mehr nach “Film” aussieht.

Plattformgiganten wie Giphy oder Spotify haben mir ihrer Möglichkeit die technischen Bedienungen des Mediums zu verändern, eine nicht zu unterschätzende (und angestrebte) Macht. Spotify wäre gerne das YouTube für Audio. Gerade bei Podcasts, wo das große Geld erst in den letzten 5 Jahren in der Szene aufgetaucht ist, löst so etwas natürlich Angst aus. Aber eben nicht nur weil Spotify ein geschlossenes System ist, sondern auch, weil Spotify mit zunehmender Markdominanz auch kontrolliert, was ein Podcast überhaupt ist.

Neue Begriffe und Kategorien

Was bei solchen Prozessen herauskommt, sind neue Bezeichnungen. Tilman Baumgärtel übernimmt in seinem Buch zum Beispiel die Unterscheidung von GIF 1.0 und GIF 2.0. GIF 1.0 meint die GIFs des frühen Internets, kleine Dateien mit einfachen Darstellungen wie dem wackelnden Baustellenschild. Nachdem animierte GIFs aus der Mode gekommen waren, bekamen sie ihre zweite Chance Mitte der 2000er. Das GIF 2.0 der Filmausschnitte und Memes wäre ohne schnelleres Internet nicht möglich gewesen. Das GIF 3.0 wird dann wohl auch kein .gif mehr sein, aber Filme schauen wir heute in der Regel ja auch nicht mehr auf Film.

Und was heißt das für Podcasts? In den Podcast Studies wird oft zwischen dem Produkt Podcast und der Praxis podcasting unterschieden. Zur Praxis gehört auch die technische Umsetzung vom Mikro bis zum Kopfhörer. Was podcasting 2006, 2011, und 2019 in Deutschland jeweils bedeutet hat, lässt sich besser beschreiben, als was in diesen Jahren jeweils ein die Definition eines Podcasts gewesen ist (und ist meiner Meinung nach auch interessanter). Im amerikanischen Raum ist schon jetzt teilweise die Rede von “Indie Podcasts” und angelegt an die deutsche Radiolandschaft könnte man auch von offenen oder freien Podcasts sprechen. Aber auch solche Labels müssen sich entwickeln und werden es auch, sobald es einen Unterschied oder eine Abgrenzung gibt, der ausreichend hörbar ist, um benannt werden zu müssen. Spotify spricht z.B. mittlerweile von Shows.


Weniger allein sein, ohne dabei sein zu müssen – mein Podcastkonsum während COVID-19

Ich habe derzeit ca. 100 Podcasts abonniert. Über die Hälfte davon haben schon seit Monaten oder Jahren keine neue Folge mehr veröffentlicht und viele davon verfolge ich eher aus einem akademischen/beruflichen Interesse. Diese Liste ist also auch ein Archiv, ein Branchenüberblick und ein Forschungswerkzeug. Und trotzdem. Selbst wenn ich die Podcasts abziehe, bei denen ich nur gelegentlich reinhöre, bleiben noch zwischen 10 und 20 Podcasts übrig, bei denen ich am liebsten jede neue Folge hören würde. Und durch COVID-19 hätte ich dieses Jahr sogar zum ersten Mal die Zeit, das auch wirklich zu tun. Tatsächlich sah mein Podcastkonsum während der Pandemie aber bisher ganz anders aus:

1. Comedy und Unterhaltungsformate: Meine Wiedergabeliste ist gefüllt von Vorträgen, Diskussionen, Geschichten und Features zu Themen, die mir am Herzen liegen oder bei denen ich den Macher:innen blind vertraue, aber wenn ich die App öffne, wähle ich meistens doch etwas zum Lachen aus. Das Jahr ist schon ernst und kompliziert genug. Die Klimakrise, die neuen Faschisten und dann auch noch ein Virus. Für viele der Podcasts fehlt mir einfach die Kraft: „Lieber ein andermal, wenn ich konzentrierter/wacher/besser drauf bin“, aber dieser andere Mal kommt natürlich nicht.

Die Podcasts, die ich höre, handeln fast alle von Popkultur und Alltagserlebnissen. Es ist keine Flucht in die Weite und den fantastischen Möglichkeitsraum, sondern in die häusliche Alltäglichkeit.

2. Immer die gleichen Stimmen. Ich höre kaum neues, sondern kehre immer wieder zu denselben vertrauten Stimmen zurück. Dazu gehört, dass ich in den vergangenen Monaten deutlich weniger Interview-Podcasts gehört habe, sondern eher (Gesprächs-)Formate, die von den Hosts dominiert werden.

Der Rückzug ins Bekannte (“heimelige“) geht aber noch weiter. Wenn es keine neuen Wohlfühlfolgen mehr in der Wiedergabeliste gibt, gehe ich eher ins Archiv, als die Komfortzone zu verlassen. Es ist egal, ob eine Episode von 2012 ist. Wichtig ist, dass es eine neue Episode in meiner Beziehung zu einer Stimme ist. Die Kontinuität des Hörens ist wichtiger als der Gegenwartsbezug.

In diesen Jahr habe ich mich oft einsam gefühlt und gleichzeitig saß ich so viel am Computer wie seit meiner World of Warcraft Zeit nicht mehr. Soziale Kontakte pflege ich vor allem über gemeinsame Tätigkeiten oder einen geteilten Alltag. Kontakte, um des Kontaktes willen zu halten und zu pflegen, fällt mir schwer. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie die vergangenen Monate ohne WG und Ehrenamt ausgesehen hätten (und der Winter liegt noch vor mir). Nicht meine Freundschaften haben unter COVID-19 gelitten, sondern die Bekanntschaften. Die Eingebundenheit in oft als beiläufig abgetane Sozialgefüge und der sprachliche Kitt, der sie zusammenhält. Laberpodcasts haben einen Teil dieser Lücke gefüllt.

Podcasts sind Bekannte, die nicht verschwunden sind. Das Abonnement ist das Treffen, das nicht verabredet werden muss. Der Podcast meldet sich regelmäßig bei mir, ganz egal ob ich die letzte Folge gehört habe. Die Stimme im Kopfhörer ist mir gleichzeitig so nah und fern wie eine Person, die ich zwar freudig grüße, aber zum Abschied nie umarme. Gerade bei kaum oder ungeschnittenen und langen Formaten kann ich eine Version von (un)kontrollierter, körpernaher Verletzlichkeit hören, die ich sonst Online höchstens bei Videokonferenzen und Livestreams erlebe (da dann aber unter dem Druck der aufeinander bezogenen Gegenwärtigkeit als Beteiligter oder Zuschauer).

Margarete Stokowski beschrieb vor ein paar Tagen Podcasts als soziale-Interaktions-Simulatoren. Vielleicht ist es so einfach. In Krisensituationen übernehmen die Instinkte auch in der Podcast-App. Ich habe das Gefühl, im Kontakt zum Rudel zu bleiben. Zwar ohne mich ins Gespräch einbringen zu können, aber eben auch ohne es zu müssen – ohne mich in Gefahr zu bringen. So hört mir zwar nie jemand zu, aber wenn ich genügend ungehörte Folgen runtergeladen, dann muss mir das auch nicht auffallen, ich muss nur schnell genug auf WEITER drücken, wenn das Outro beginnt.


Apropos Gesellschaft leisten und Einsamkeit: Wenn es in den sich gerade herausbildenden Podcast Studies oder in der Werbebranche um parasoziale Beziehungen und die Intimität von Podcasts geht, dann ist man schnell bei Fan-Forschung, Communities oder Klickraten. Das lässt sich zwar gut beobachten, aber denkt die Beziehung zwischen Podcaster:in und Zuhörer:in vielleicht zu aktiv. Natürlich gibt es das auch, aber wenn man das Fernsehen verstehen will, dann schaut man sich schließlich auch nicht (nur) den Blockbuster am Abend an, sondern das Programm vor den Nachrichten.

COVID19 Memes, Marxisten auf TikTok, Panik vor Bots und das Massensterben der Narrative

Joshua Citarella: Marxist memes for TikTok teens: can the internet radicalize teenagers for the left?

The next generation of political radicals will have passed through some form of these online political spaces and will bring with them many of the oddities, peculiarities and baggage of internet subcultures. Artists spend a great deal of time thinking about utopias and speculative visions of the future. Put simply, there is no desirable scenario that does not involve a revitalized left in the United States and abroad. Social media is already having the inadvertent effect of politicizing young people anyway. So we might as well put serious thought into making it work for us.

Marxist memes for TikTok teens: can the internet radicalize teenagers for the left? (12.09.2020)

Radikalisierung als Chance und Aufgabe? Die alte/neue Rechte hat schon in den 90ern verstanden, dass marschieren nicht reicht, sondern das man auf dem Dorffest am Grill stehen muss. Wenn wir die digitalen Jugendzentren zurückerobern wollen, müssen wir auch etwas zu bieten haben.

Crystal Abidin: Meme factory cultures and content pivoting in Singapore and Malaysia during COVID-19

Der Titel sagt es. Meme-Fabriken in Singapur und Malaysia und wie sich ihr Output durch COVID-19 verändert hat. Es gibt auch eine vereinfachte Version des Artikels (aber mit weniger Bildmaterial). Und wer macht jetzt bitte die Analyse für den deutschsprachigen Raum?

Kristian A. Bjørkelo: “Elves are Jews with Pointy Ears and Gay Magic”: White Nationalist Readings of The Elder Scrolls V: Skyrim

Keine Ahnung, wie ich darauf gestoßen bin, aber die Frage, die hier im Bezug auf Skyrim gestellt wird, betrifft natürlich auch das Internet an sich: Wie viel Verantwortung haben die, welche die Open World designen und bauen für das, was damit gemacht wird?

Brian Justie: Bot or Not

Zur Geschichte und Gegenwart von CAPTCHA-Tests und der Panik vor Bots:

„The standalone “I’m not a robot” checkbox that users often encounter is a decoy: The necessary evidence has already been gathered by the time you click it […] there are no longer bots on one side and humans on the other, neatly classified along predetermined ontological lines by their respective capacities for perception, interpretation, and judgment. Instead there are only data producers: Some produce data that is more bot-like, and some produce data that is more human-like.“

Bot or Not (21.09.2020)

L. M. Sacasas: What Do Human Beings Need?: Rethinking Technology and the Good Society

L. M. Sacasas fasst seine Essays meistens wunderbar selbst zusammen. Und auch diese Ausgabe seines Newsletters ist wieder durchtränkt von Verweisen, die man lesen könntesolltemüssteseufz.

„I’ve argued before in this newsletter and elsewhere that one of the salient features of digital culture is the rapid collapse of the ideals of neutrality and disinterested objectivity that have been central to the legitimacy of modern liberal institutions. While this collapse will continue to be attended by varying degrees of turmoil and conflict, it may also provide us with an opportunity to examine more carefully some of the assumptions that have informed the way we think about the nature of a good life. And I would suggest that we do well to start, as Simone Weil did, with a consideration of the full range of human needs, clarified by Ivan Illich’s searching critique of the needs engendered in us by industrial (and now digital) institutions, and oriented toward a more robust vision of a good society as Albert Borgmann urged us to imagine.“

What Do Human Beings Need? Rethinking Technology and the Good Society (29.09.2020)

Antonio Garcia-Martinez im Gespräch mit Martin Gurri: The Prophet of the Revolt

„[…] the news has always been fake and the histories at least partly (if not wholly) contrived. Read a French history of Napoleon and compare it to an Anglo one. Or for that matter, read your typical (lefty) English-language take on Cuba, vs. a Spanish language one. But they were self-consistent narratives maintained within meaningful political and linguistic borders. As flawed as these narratives were and are–the map was very definitely not the territory–they were coherent worldviews that helped that society navigate reality. Now those guiding (but also blinding) narratives are gone. Social media has served as a sort of society-wide bodycam: the institutional abuse was always there, now we’re simply seeing it.“

The Prophet of the Revolt: Martin Gurri and the ungovernable public (18.09.2020)

Oha. Hängengeblieben bin ich aber an einer anderen Formulierung, dem Massensterben der Narrative. Das dreht mir dem Magen um. Aber dem Gefühl nachzugehen ist mir heute zu gefährlich, ich ziehe mich lieber in die Datenbank zurück.

Oberflächengeräusche, die drei Siebe des Sokrates, Functional Techwear und Squad-Wealth

Damon Krukowski: Oberflächengeräusch

Ein Auszug aus The New Analog. Listening and Reconnecting in a Digital World (2017) übersetzt von Moritz Baßler über automatische Rauschreduktion und das Ende des Naheffekts.

„Die Stille am Mobiltelefon nennen Toningenieure ›digitales Schwarz‹. Digitales Schwarz ist nicht einfach die Abwesenheit eines Signals, sondern die Abwesenheit von Rauschen. […]

Ähnlich wie die Navigation per GPS platziert die digitale Signalverarbeitung des Handys die Sprecherin immer im selben Nicht-Raum: weder nah noch fern, weder intim noch distanziert. Die Flachheit, die sich dabei ergibt, isoliert nicht nur die Stimme, sondern schaltet Affekt aus. Die Information ist verständlich, aber die Stimme, die sie liefert, lässt sich nur hören, niemals fühlen.

Dieses Fehlen des Naheffekts kennzeichnet auch andere Formen digitaler Kommunikation. Ein Tweet, ein Post auf Facebook, ein Instagramfoto richten sich samt und sonders an jeden, ob nah oder fern von uns, räumlich oder beziehungsweise. Genau wie am Handy wird dabei unsere Möglichkeit eingeschränkt, den Ton der Distanz anzupassen.

Digitale Medien ermöglichen eine deutliche Kommunikation über große Distanzen, aber die Kommunikation von Distanz selbst wird zur Herausforderung. Online und am Telefon steht jeder in derselben räumlichen Beziehung zu allen anderen. Der Naheffekt ist eliminiert.“

Damon Krukowksi: Oberflächengeräusch (07.09.2020)

Ich stimme zu, dass Rauschen (akustisches Abschweifen vom Signal) Kontexte, Affekte und Distanzverhältnisse erzählt, und auch, dass die Kommunikation von Entfernung in digitalen Medien schwieriger geworden ist, aber eliminiert ist der Naheffekt auf gar keinen Fall. Vielleicht lässt es sich akustisch nicht mehr so einfach festmachen, seitdem alle* Podcaster:innen und Streamer:innen so klingen wollen wie Joe Rogan, aber Twitch, YouTuber, Instagram usw. platzen nur so von Inszenierungen von Nähe und Distanz. Gerade weil alles gleich sauber klingt und aussieht, gibt es einen Wettbewerb um die Gestaltung von künstlichem Rauschen. Akustisch meint das zum Beispiel den Einsatz von Hintergrundmusik, vom Chat getriggerte Soundeffekte oder wie Gesprochen wird. Gelaber ist zum Rauschen gemachte Sprache, die Nähe oder Distanz erzeugt, je nachdem, ob es mir etwas bedeutet.

Werner Stangl: Die drei Siebe des Sokrates – Wahrheit – Güte – Notwendigkeit

„Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Bist du dir sicher, dass das, was du mir erzählen möchtest, wahr ist?“ „Nein, ich habe gehört, wie es jemand erzählt hat.“ „Aha. Aber dann ist es doch sicher durch das zweite Sieb gegangen, das Sieb des Guten? Ist es etwas Gutes, das du über meinen Freund erzählen möchtest?“ Zögernd antwortete der Mann: „Nein, das nicht. Im Gegenteil….“ „Hm,“ sagte Sokrates, „jetzt bleibt uns nur noch das dritte Sieb. Ist es notwendig, dass du mir erzählst, was dich so aufregt?“ „Nein, nicht wirklich notwendig,“ antwortete der Mann. „Nun,“ sagte Sokrates lächelnd, „wenn die Geschichte, die du mir erzählen willst, nicht wahr ist, nicht gut ist und nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste mich nicht damit!“

Werner Stangl: Die drei Siebe des Sokrates – Wahrheit – Güte – Notwendigkeit

Viele Chats haben eine automatische SPAM- bzw. Anstandserkennung. Wären die drei Siebe nicht eine Idee für die Grauzonen, wenn sich der Computer nicht sicher ist? „Ich weiß nicht, was du da vorhast, aber bevor du diese Nachricht abschickst, sage mir…“

David Nichols: The Rise of Functional Techwear, Drive-In Walmart Movie Theaters, and the Dark Souls FPS

In seinem Newsletter The Land of Random schreibt David Nichols über eine neue Generation von Functional Teachwear, also klassisch deutsche Funktionskleidung gepaart mit Silicon Valley Ideologie und einer Prise Endzeitästhetik.

Dazu passend Cloothing As Platfom von Rachel Huber u. a. über “smarte” (also Daten sammelnde) Kleidung und Luxumarken, die RFID Chips nutzen wollen, um die Bewegung des Kleidungsstücks zum Kunden und vor allem auf dem Gebrauchtmarkt und durch die Hände von Resellern verfolgen zu können.

Other Internet: Squad-Wealth

Der Thinktank sry Squad Other Internet denkt über sich selber nach. COVID-19 hat gezeigt, wie schwer es in der Gegenwart ist, als Individuum über die Runden zu kommen. Noch stärker auf Gruppenresilienz zu setzen hieße aber auch, finanzielle Risiken zu teilen. Aber wie funktioniert das für privilegierte Laptoparbeiter:innen außerhalb alter sozialer Sicherungsstrukturen wie Dorf oder Familie, und zwar ohne dabei „den Vibe zu killen“? Denn der Vibe ist in der Clique alles.

Podcasts sind episodisch und gute klingen auch so

Podcasts sind episodisch. Das ist keine Überraschung, schließlich heißt einer der Reiter in der App, über die ich sie beziehe, ja auch Episoden. Technisch bedeutet das zunächst, dass einzelne Klangeinheiten in einer Reihe stehen. Im Fall von Podcasts bedeutet es auch, dass ich die Fortsetzung dieser zusammengehörigen Reihe abonnieren kann. Egal ob per RSS oder über Spotify: In dem ich den Podcast abonniere, drücke ich mein Interesse für die noch nicht eingetretene, aber mögliche Zukunft aus. Ein Podcast im Apple Verzeichnis lässt sich zwar als abgeschlossen markieren, der Feed ist an sich aber erst mal zukunftsoffen.

Episode vs. Folge

Eine klassische Unterscheidung von Episode und Folge wäre, dass Episoden die Abgeschlossenheit einer Handlung (innerhalb einer Reihe) betonten, während Folgen eine Handlung chronologisch über mehrere Erzähleinheiten erzählen. So gesehen gibt es Podcast, die eher Folgen und welche die eher Episoden veröffentlichen. Viele der sogenannten Storytelling-Podcasts, erzählen ihre Geschichten so, dass jede Episode einen eigenen, geschlossenen Spannungsbogen hat. Als Teil einer größeren, komplexeren Erzählung, die produktionstechnisch in der Einheit Staffel gedacht wird, sind es aber Folgen. Gesprächsrunden wiederum, die eigentlich gerade dadurch gekennzeichnet sind, dass sich die einzelnen Gespräche im Verlauf eines Podcasts zu einer großen Unterhaltung verweben, würde ich eher als Episoden bezeichnen, weil sich diese große Handlung erst im Sprechen (quasi im atmosphärischen Rückblick) ergibt.

Episodisches Erzählen und Erzählen in Episoden

Nachdem ich im Post zur DNA von Podcasts mit dem Wort “Episodizität” um mich geworfen hatte, musste ich dann doch mal nachschlagen, was das eigentlich heißen könnte.

Fündig bin ich zum Beispiel bei Florian Kragl geworden. Der grenzt episodische Erzählformen so ein:

  • Die Episoden müssen in in einem lineraren Zusammehang stehen, sodass an von der selben Geschichte sprechen kann.
  • Die Protagonisten dürfen nicht wechseln.
  • Die Handlung muss durch relativ abgeschlossene Abschnitte erzählt werden.

„Episodisch ist ein Erzählen, das (1) in sich zu episodenhaften Teilen von relativer Autonomie und relativer Geschlossenheit aufgefächert ist, wobei (2) die narrative Verfasstheit, mehr noch aber die medialen Gegebenheiten ausschlaggebend dafür sind, dass diese episodenhaften Teile als Erzähleinheit wahrgenommen werden.“

Florian Kragl: Episodisches Erzählen – Erzählen in Episoden, in: DIEGESIS 6, Nr. 2 (2017).

Über diese Bedingungen kann man diskutieren, aber Podcasts lassen sich als Medienanordnung so schon mal beschreiben: Der Feed stellt den linearen Zusammenhang her, in den meisten Fällen gibt es irgendeine Art von Host, und wenn auch nicht unbedingt als Erzählung (siehe Folge) sind die Episoden zumindest als Audiofiles geschlossene Sinneinheiten.

Episodisches Erzählen zeichnet sich laut Kragl oft durch „bombatisch inszenierte Schlüsse“ aus, weil diese Schlüsse die vielen vorangegangenen Episoden narrativ zusammenhalten müssen. Dem gegenüber stellt er das Erzählen in Episoden. Ein typisches Beispiel dafür sind Sitcoms, in denen eigentlich kaum Charakterentwicklung stattfinden kann, weil am Ende jeder Folge alles wie am Anfang sein muss. Erzählen in Episoden rückt also die Einheit der Episode in den Vordergrund. Episodisches Erzählen hingegen fokussiert sich auf die Gesamtgeschichte – es gibt ein eindeutiges vorher und nachher.

Am Beispiel von Fernsehformaten kann man diese Trennung auch mit den Bezeichnungen serial und series treffen:

„Während das serial auf das Moment der Fortsetzung setzt und eine offene, noch nicht geschriebene Zukunft impliziert, garantiert die series die fortdauernde Wiederkehr des immer gleichen Schemas und propagiert damit gerade keine offene, sondern eine erwartbare Zukunft.“

Jens Ruchatz: Sisyphos sieht fern – oder Was waren Episodenserien?, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft. Jg. 4, Heft 07 (2/2012): Die Serie, 80–89.

Die Simpsons sind eine series, Game of Thrones ein serial. Obwohl im serial zukunftsoffener erzählt wird, können series zukunftsoffener produziert werden, weil am Ende einer Staffel oder Finale kein Schluss inszeniert werden muss, der alle Fäden zusammenführt. Die große Kunst ist es deshalb, ein Staffefinale so gestalten, dass es geschlossen genug ist, um die Fans zu befriedigen, aber offen genug, um daran anzuknüpfen, falls eine weitere Staffel vom Sender bestellt wird.

Serial/Series Podcasts

Lässt sich das wieder in die Unterscheidung von Episode und Folge zurückführen? Viele Storytelling-Podcasts funktionieren wie Serien, die auf ihr Staffelfinale hin produzieren. Laberpodcasts sind oft wie der (RSS-)Feed konzeptuell eher auf die Zukunftsoffenheit hin angelegt. Dazwischen liegt ein weites Spektrum. Gute Podcasts scheinen den Spagat zwischen serial (episodisches Erzählen) und series (Erzählen in Episoden) zu schaffen, genau wie es einer neuen Generation an Serien wie Rick & Morty gelingt, ihre Protagonist:innen sich selbst im Format der animated series weiterentwicklen zu lassen. Bei diesen Podcasts liegt der Fokus auf der Episode, die aber als Teil einer Gesamtgeschichte verstanden wird, deren Zukunft noch offen ist und durch die kommenden Episoden noch hervorgebracht wird. Planbares (z B. Rahmungen, Anordnungen, Themen) trifft auf Unplanbares (Momente, Zufälle, Abschweifungen usw.).

Ich wiederhole mich: Es macht einen Unterschied, ob episodisches Sprechen zum Erzählen einer Geschichte verwendet wird oder ob das episodische Sprechen eine Geschichte erzählt.

Gute Podcasts klingen episodisch?

Galen Strawson argumentierte 2004 in seinem Artikel Against Narrativity gegen die Annahme, das unsere Selbstwahrnehmung narrativ ist (und damit alles zur Erzählung erklärt werden kann). Stattdessen müsse man in Gegenüberstellung zur Narrativität eher von Episodizität sprechen, einer offenen Wahrnehmungform des Fragmentarischen, Unverbundenen und Momentanen.

Ein Kennzeichen für das podcasthafte ist in meine Ohren, der Umgang mit der narrativen Offenheit, die sich aus der spezifischen Episodizität des Mediums Podcast ergibt. Welcome to Night ValeReply AllHarmontownThe Blindboy Podcast und selbst Fest & Flauschig gestalten diese Offenheit so, dass es schwerfällt, sie in die Kategorien der alten (geschlosseneren) Massenmedien zu einzuordnen.

Sowas zu produzieren braucht natürlich auch andere Finanzierungsmodelle, die es aber gibt. Eine Staffel in Auftrag zu geben und danach zu schauen, wie das Produkt performt hat bringt etwas anderes hervor. Tolle Sachen, keine Frage. Aufregende und innovative Feature- und Hörspielserien zum Beispiel; serielle Hörstücke, in denen virtuos mit Wahrheit und Wirklichkeit gespielt wird oder für unlösbar gehaltene Kriminalfälle gelöst werden; die auch als Podcast (Medium ?) veröffentlicht werden, aber eben nicht so klingen (Genre?)).


Der zweite Teil: “Podcasts sind mündlich und gute klingen auch so”, wird viel schwieriger, aber juckt in den Fingern. Noch viel mehr dünnes Eis. (Yeah!)

Open Peer Review Podcast, P2P Networks, Kamerafallen und die Natur des Experiments

EP01: The Genetic Code of Podcasting: a new way of thinking about discoverability

„This is episode 1 of the Open Peer Review Podcast. It is intended to be a demonstration of how a podcast could be used by scholars to discuss and get peer reviews on their research before it is ‘published’ in the traditional sense (i.e. in a peer-reviewed academic journal). In this episode, researcher Lori Beckstead explains her work which attempts to identify important characteristics of podcasts, beyond a simple genre-based classification, that could be used to help determine listener preferences and improve recommendation engines.“

https://oprpodcast.ca/2020/07/19/the-genetic-code-of-podcasting-a-new-way-of-thinking-about-discoverability/

Ein sehr spannendes Projekt. Peer Review Gast in der ersten Folge ist Dario Llinares. Dazu gibt es ein Transkript, Zusammenfassung, Shownotes, ordentliche Links, Bibliografie, Zitationsvorschlag, usw. Ich will auch studentische Hilfskräfte haben, die sich um sowas kümmern!

Nur das der Podcast auf Soundcloud gehostet wird, verstehe ich nicht. Gerade mit Transkript und um gezielt auf Timecodes verlinken zu können wäre der Podlove Webplayer oder vergleichbares doch Ideal.

Cade Diehm: This is Fine: Optimism & Emergency in the P2P Network

„The last fifteen years has seen a surge of interest in decentralised technology. […] As we enter the 2020s, centralised power and decentralised communities are on the verge of outright conflict for the control of the digital public space. The resilience of centralised networks and the political organisation of their owners remains significantly underestimated by protocol activists. At the same time, the decentralised networks and the communities they serve have never been more vulnerable. The peer-to-peer community is dangerously unprepared for a crisis-fuelled future that has very suddenly arrived at their door.“

https://newdesigncongress.org/en/pub/this-is-fine/

Interview: Der Aspekt des Machens – Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger über die Natur des Experiments (als PDF)

Die Vorlesung von Stephan Porombka über Experimentalität und das Denkprogramm von Moritz Klenk für eine experimentelle Kulturwissenschaft haben mir Anfang des Jahres ordentlich den Kopf verdreht und Begriffe geliefert, um Beschreiben zu können, wie ich arbeite und gerne arbeiten würde. Einer der Schlüsselbegriffe ist das Experimentalsystem. Bei der Google-Umrundung des Begriffs bin ich auf dieses Interview mit Hans-Jörg Rheinberger gestoßen.

„AoA: Was muss man denn können, um aus der Vergangenheit zu schöpfen und in der Zukunft etwas zu entwickeln? Was sind das für Eigenschaften, Kompetenzen oder Haltungselemente?

Hans-Jörg Rheinberger: Ich glaube, dass man in einen Prozess der Auseinandersetzung einsteigen und sich auf diesen wirklich einlassen muss, mit all den Fähigkeiten, die man als Person zur Verfügung hat. Diese können ja ganz unterschiedlich sein. Ich würde nicht sagen, dass es einen Katalog gibt, den man abhaken könnte, und wenn man alle Punkte erfüllt hat, dann ist man besonders kreativ. Davon halte ich nichts. Das Sich-Einlassen auf einen Prozess erfordert Geduld. Die besten Sachen ergeben sich nicht momentan, sondern aus einem iterativen Prozess. Das kann man aus der Perspektive der eigenen Arbeit betrachten, aber man kann es natürlich auch in einem größeren historischen Kontext sehen, wie der Kunsthistoriker George Kubler es einmal formuliert hat: Man steht am Ende von Schächten, die andere gegraben haben, und dass sie gerade in diese Richtung gegraben wurden und nicht in eine andere, liegt nicht in unserer Verfügung, das ist der bisherige historische Prozess, der eben in dieser Form stattgefunden hat und nicht in einer anderen. Da steht man nun und fragt sich, in welche Richtung man versuchen soll, diesen Raum weiter zu öffnen. […] Die künstlerische und wissenschaftliche Betätigung sind nicht als teleologischer Vorgang, also von einem Ende her, zu verstehen. Sie sind eher ein Abstoßen von einem gegenwärtigen Zustand, der etwas zu wünschen übrig lässt. Aber es ist im Grunde genommen nicht klar, wohin die Reise geht. Klar ist nur, dass die Reise getan werden muss, in diesem Punkt gibt es keine Beliebigkeit. Genau das ist die Situation, in der Künstler sich in gleicher Weise befinden wie Wissenschaftler, obwohl sie möglicherweise mit völlig anderen Materialien und Techniken arbeiten.“

https://www.ageofartists.de/der-aspekt-des-machens-wissenschaftshistoriker-hans-joerg-rheinberger-ueber-die-natur-des-experiments/

Gerade beschäftigt mich nämlich die Frage, ob und wie sich meine Aha-Erlebnisse rund ums Experiment auch auf Beziehungen übertragen lassen, quasi Partnerschaft als Experiment.

Clay Mills: On -Cores

„-Core, or x-core, is a descriptor, first and foremost. It’s a vibe. It originates of course from hardcore as a music genre and movement, which described the hard “core” center of the punk movement. The vanguard. But since then, the “-core” itself has become a descriptor. Metalcore. Grindcore. Normcore. Nightcore. The wretched Nicecore. Mumblecore was a descriptor coined in 2005 by sound editor Eric Masunaga at a bar, trying to link three films which screened at that year’s South by Southwest and would later be considered pillars of mumblecore. The filmmaker who first used the term publicly, Andrew Bujalski, emphasized it wasn’t a movement per say, that he wasn’t trying to make mumblecore “on purpose.” This is now the usual mode for -cores: not movements, not even necessarily emergent trends, though that is somewhere closer to the truth. At its purest, it’s a descriptor of interlinked phenomena. Words evade it but long descriptions and analyses will do, and these descriptions become bundled up in a particular -core.“

https://docs.google.com/document/d/13-qLZzgENG8Rbacf68agh0XC7a1YVgHInGJ2oMQsbFY/edit

Ein Link der Scham. Seit drei Wochen nehme ich mir vor tiefer in dieses bunte 70-Seiten Biest über -Cores einzulesen, aber die vielen Links machen mir Angst verloren zu gehen.

Lauren Collee: Camera Traps

„In other words, what we should aim for is not necessarily a forest where we can have a wild pee, peacefully, in the knowledge that our wilderness will not be disturbed by technological blinking eyes. As long as these eyes are entangled in murky regimes striving towards omnipresent vision, we have ample reason to distrust them. But it is possible to build a world in which we don’t have to distrust our technological devices; in which we walk through the forest, and hear the whirring and clicking and silent heartbeat of various monitoring devices, and feel comfortable in the knowledge that these devices are part of the ecosystem of the forest itself, operated by — and working in service of — the people, animals and plants who live there. When this is the case, their watching, their listening and their sensing should be no more unnerving to us than the watching, listening and sensing of the trees, the birds and the river.“

https://reallifemag.com/camera-traps/

Ist das wirklich möglich und/oder erstrebenswert?

Richard Berry: There are just 3 types of podcast

In den Podcastverzeichnissen wird normalerweise mehr oder weniger streng nach Genre unterschieden, wobei sich diese Unterteilung größtenteils auf den Inhalt bezieht. Apple unterscheidet zum Beispiel in der Kategorie Education zwischen CoursesHow-ToLanguage Learning und Self-Improvment. Diese Titel sagen in der Regel aber nicht viel darüber aus, wie sich die Podcasts anhören.

Es gibt viele Versuche Podcasts zu typisieren. Richard Berry kondensiert in einem Blogpost verschiedene Listen1 zu drei Typen:

  1. Conversations
  2. Narratives
  3. Fictions

Let me explain. Panel shows and long form interviews are just different ways of having a conversation. These could be free flowing and sound like like the conversations we all have around the dinner table or in the pub; but could equally be a very directed in-depth interview on a topic. Are two or more people talking to each other? It’s a conversation. Many podcasts use a narrative structure, whether this is a multiple-episode documentary, a news podcast that explores a topic, or a single voice telling a story. If it’s structured and planned out, it’s a narrative. Conversations could have other elements inserted into them (such as another piece of audio) but if this is done in a scripted way, then this probably means it’s a piece of a narrative work. In some ways, this finally header could be dispensed with as surely all drama is narrative? But it could be useful to frame fictional work as separate so we can note it’s differences and its relevance.

Richard Berry: There are just 3 types of podcasts (29.07.2020)

Die Unterteilung ist genauso schön wie problematisch, weil jeder der Typen eine andere Ebene berührt. Conversations beschreibt, was da wie klingt (Menschen im (Selbst-)Gespräch), Narratives die Form des Gehörten (irgendeine Form von Erzählung) und Fictions dessen Bewertung und Einordnung (Muss ich mir Sorgen um Aliens machen, die in diesem Moment die USA attackieren?).

Die DNA von Podcasts

Richard Berry geht es bei dieser Kondensierung um die Suche nach der DNA von Podcasts, also nach dem spezifisch podcasthaften. Der Versuch einer Übersetzung seiner Kategorien ist eine gute Gelegenheit meine Notizen zu der Frage auszugraben und mich von den Dingen abzulenken, über die ich gerade stattdessen nachdenken sollte:

  1. Conversations = Gespräche → Sprechen
  2. Narratives = Narrationen → Erzählen
  3. Fictions = Fiktionen → ?

Conversations sind Gespräche, aber vor allem sind sie Sprechend. Narratives sind Narrationen, also Erzählend. Und Fiktionen? Die Unterscheidung würde ich erstmal außen vor lassen, damit sie mir später in den Rücken fallen kann. Aus den drei Kategorien werden so für mich zwei Fragen, die ich an einen Podcast stelle.

Das Sprechen bezieht sich auf die Mündlichkeit. Das meine ich nicht nur wörtlich, weil Personen mit sich, zu den Hörer:innen oder miteinander sprechen, sondern auch im Sinn einer konzeptuellen Mündlichkeit zum Beispiel als Audiomedium im Kontrast zur mehreren hundert Jahren Schriftkultur, als Sprache der Nähe2 oder als tertiäre Oralität3 Das Internet macht unsere Kommunikation eben nicht nur visueller, sondern auch sprechender und Podcast sind ein Grund und Effekt. Wenn ich Frage, wie sprechend ein Podcast ist, dann frage ich mich ob und wie die neue digitale Mündlichkeit zu hören ist (und wonach ich da eigentlich lausche).

Erzählen bezieht sich auf den Umgang mit der Form – wie unter Podcastbedingungen erzählt wird. Richard Berry fragt, wie strukturiert und geplant ein Podcast ist. Das bezieht sich auf eine einzelne Episode, eine Staffel oder auch einen ganzen Podcast. Ursprünglich sind Podcasts technisch durch einen RSS Feed gekennzeichnet. Die Idee hinter der Technik ist, dass man nicht selber immer wieder nachschauen muss, ob es ein neues Datenobjekt an einem bestimmten Platz liegt, sondern dies von einem Programm automatisch nachschlagen lassen kann. RSS ist so eine in Internetjahren alte (1999) Lösung mit dem Problem umzugehen, Zusammenhänge zwischen einzelnen Objekten in der riesigen Datenbank herzustellen.

Offenheit und Geschlossenheit

Ein RSS Feed kann zwar als abgeschlossen markiert werden, zeigt vorher aber offen in die Zukunft. Damit ähneln die Bedingungen, unter denen erzählt wird, eher einer Vorabendserie oder dem Lagerfeuer, an dem ein Stamm jeden Abend zusammenkommt. Die einzelne Folge kann spektakulär und in sich geschlossen sein, entfaltet im Kontext der Gewissheit des Vorangegangenen und der offen gedachten Zukunft noch kommender Geschichten nochmal eine ganz andere Kraft. Nach podcasthaftem Erzählen zu fragen, bedeutet für mich deshalb zu überlegen, wie sich die gewählte Form zu dieser doppelten Offenheit und Episodizität (?) verhält.

Die technische Herleitung über RSS hinkt in Zeiten von Spotify natürlich gewaltig, denn mit den veränderten Bedingungen verändert sich auch das podcasthafte. Für mein Verständnis des podcasthaften ist die Geschlossenheit dieser Plattformen natürlich ein Problem4 und mit Geschlossenheit meine ich nicht, dass ich für den Zugang bezahlen muss, sondern dass die ökonomischen Bedingungen dieser Plattformen auch Produktionsslogiken begünstigen, welche mit er der technischhistorischen Offenheit des Mediums kollidieren. Projekte, Staffeln und Episoden werden ganz praktisch anders geplant und produziert, und so klingt das, was dabei rauskommt natürlich auch anders. Es wird weniger abgeschwiffen, weniger gelabert, weniger offen gesprochen, sondern mehr Text aufgesagt.5

Vor dem Hintergrund der Fragen nach Mündlichkeit und der offenen Erzählform (?) würde ich so sagen, dass es beim Podcasthype ein großes Missverständnis gibt: Es geht beim podcasthaften nicht darum Geschichten in Sprechen zu verpacken, sondern Sprechen dem Raum und den Rahmen zu geben, um etwas zu erzählen. Was nicht heißt, dass es für das andere gerade keinen Markt gibt, der ist wahrscheinlich sogar viel größer, hat meiner Meinung nach aber eher mit der Fokussierung auf Audio und die neue Mündlichkeit im Allgemeinen zu tun.

Fragen für die nächste(n) Woche(n)

Fest & Flauschig und Reply All sind mit diesen Fragen im Kopf beide podcasthaft. Beides sind Gespräche, aber das eine folgt einer strikteren Inszenierungsstrategie. Beide klingen mündlich (aural, oral, nah), aber das eine denkt sich stärker als geschlossener Erzählbogen einer Folge. Wie bewerte ich jetzt, welcher Podcast sprechender oder narrativ offener(?) ist, bzw. wie müsste ein Koordinatensystem aussehen, in dem ich auch Serial, Podlog, The Blindboy Boatclub, Sein und Streit und happy, holy & confident eintragen kann? Wie heißen die Achsen? Sekundäre Oralittät ←→ tertiäre Oralität und offene Erzählstruktur ←→ geschlossene Erzählstruktur? Aber was meine ich damit eigentlich?