Weniger allein sein, ohne dabei sein zu müssen – mein Podcastkonsum während COVID-19

Ich habe derzeit ca. 100 Podcasts abonniert. Über die Hälfte davon haben schon seit Monaten oder Jahren keine neue Folge mehr veröffentlicht und viele davon verfolge ich eher aus einem akademischen/beruflichen Interesse. Diese Liste ist also auch ein Archiv, ein Branchenüberblick und ein Forschungswerkzeug. Und trotzdem. Selbst wenn ich die Podcasts abziehe, bei denen ich nur gelegentlich reinhöre, bleiben noch zwischen 10 und 20 Podcasts übrig, bei denen ich am liebsten jede neue Folge hören würde. Und durch COVID-19 hätte ich dieses Jahr sogar zum ersten Mal die Zeit, das auch wirklich zu tun. Tatsächlich sah mein Podcastkonsum während der Pandemie aber bisher ganz anders aus:

1. Comedy und Unterhaltungsformate: Meine Wiedergabeliste ist gefüllt von Vorträgen, Diskussionen, Geschichten und Features zu Themen, die mir am Herzen liegen oder bei denen ich den Macher:innen blind vertraue, aber wenn ich die App öffne, wähle ich meistens doch etwas zum Lachen aus. Das Jahr ist schon ernst und kompliziert genug. Die Klimakrise, die neuen Faschisten und dann auch noch ein Virus. Für viele der Podcasts fehlt mir einfach die Kraft: „Lieber ein andermal, wenn ich konzentrierter/wacher/besser drauf bin“, aber dieser andere Mal kommt natürlich nicht.

Die Podcasts, die ich höre, handeln fast alle von Popkultur und Alltagserlebnissen. Es ist keine Flucht in die Weite und den fantastischen Möglichkeitsraum, sondern in die häusliche Alltäglichkeit.

2. Immer die gleichen Stimmen. Ich höre kaum neues, sondern kehre immer wieder zu denselben vertrauten Stimmen zurück. Dazu gehört, dass ich in den vergangenen Monaten deutlich weniger Interview-Podcasts gehört habe, sondern eher (Gesprächs-)Formate, die von den Hosts dominiert werden.

Der Rückzug ins Bekannte (“heimelige“) geht aber noch weiter. Wenn es keine neuen Wohlfühlfolgen mehr in der Wiedergabeliste gibt, gehe ich eher ins Archiv, als die Komfortzone zu verlassen. Es ist egal, ob eine Episode von 2012 ist. Wichtig ist, dass es eine neue Episode in meiner Beziehung zu einer Stimme ist. Die Kontinuität des Hörens ist wichtiger als der Gegenwartsbezug.

In diesen Jahr habe ich mich oft einsam gefühlt und gleichzeitig saß ich so viel am Computer wie seit meiner World of Warcraft Zeit nicht mehr. Soziale Kontakte pflege ich vor allem über gemeinsame Tätigkeiten oder einen geteilten Alltag. Kontakte, um des Kontaktes willen zu halten und zu pflegen, fällt mir schwer. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie die vergangenen Monate ohne WG und Ehrenamt ausgesehen hätten (und der Winter liegt noch vor mir). Nicht meine Freundschaften haben unter COVID-19 gelitten, sondern die Bekanntschaften. Die Eingebundenheit in oft als beiläufig abgetane Sozialgefüge und der sprachliche Kitt, der sie zusammenhält. Laberpodcasts haben einen Teil dieser Lücke gefüllt.

Podcasts sind Bekannte, die nicht verschwunden sind. Das Abonnement ist das Treffen, das nicht verabredet werden muss. Der Podcast meldet sich regelmäßig bei mir, ganz egal ob ich die letzte Folge gehört habe. Die Stimme im Kopfhörer ist mir gleichzeitig so nah und fern wie eine Person, die ich zwar freudig grüße, aber zum Abschied nie umarme. Gerade bei kaum oder ungeschnittenen und langen Formaten kann ich eine Version von (un)kontrollierter, körpernaher Verletzlichkeit hören, die ich sonst Online höchstens bei Videokonferenzen und Livestreams erlebe (da dann aber unter dem Druck der aufeinander bezogenen Gegenwärtigkeit als Beteiligter oder Zuschauer).

Margarete Stokowski beschrieb vor ein paar Tagen Podcasts als soziale-Interaktions-Simulatoren. Vielleicht ist es so einfach. In Krisensituationen übernehmen die Instinkte auch in der Podcast-App. Ich habe das Gefühl, im Kontakt zum Rudel zu bleiben. Zwar ohne mich ins Gespräch einbringen zu können, aber eben auch ohne es zu müssen – ohne mich in Gefahr zu bringen. So hört mir zwar nie jemand zu, aber wenn ich genügend ungehörte Folgen runtergeladen, dann muss mir das auch nicht auffallen, ich muss nur schnell genug auf WEITER drücken, wenn das Outro beginnt.


Apropos Gesellschaft leisten und Einsamkeit: Wenn es in den sich gerade herausbildenden Podcast Studies oder in der Werbebranche um parasoziale Beziehungen und die Intimität von Podcasts geht, dann ist man schnell bei Fan-Forschung, Communities oder Klickraten. Das lässt sich zwar gut beobachten, aber denkt die Beziehung zwischen Podcaster:in und Zuhörer:in vielleicht zu aktiv. Natürlich gibt es das auch, aber wenn man das Fernsehen verstehen will, dann schaut man sich schließlich auch nicht (nur) den Blockbuster am Abend an, sondern das Programm vor den Nachrichten.

Podcasts sind episodisch und gute klingen auch so

Podcasts sind episodisch. Das ist keine Überraschung, schließlich heißt einer der Reiter in der App, über die ich sie beziehe, ja auch Episoden. Technisch bedeutet das zunächst, dass einzelne Klangeinheiten in einer Reihe stehen. Im Fall von Podcasts bedeutet es auch, dass ich die Fortsetzung dieser zusammengehörigen Reihe abonnieren kann. Egal ob per RSS oder über Spotify: In dem ich den Podcast abonniere, drücke ich mein Interesse für die noch nicht eingetretene, aber mögliche Zukunft aus. Ein Podcast im Apple Verzeichnis lässt sich zwar als abgeschlossen markieren, der Feed ist an sich aber erst mal zukunftsoffen.

Episode vs. Folge

Eine klassische Unterscheidung von Episode und Folge wäre, dass Episoden die Abgeschlossenheit einer Handlung (innerhalb einer Reihe) betonten, während Folgen eine Handlung chronologisch über mehrere Erzähleinheiten erzählen. So gesehen gibt es Podcast, die eher Folgen und welche die eher Episoden veröffentlichen. Viele der sogenannten Storytelling-Podcasts, erzählen ihre Geschichten so, dass jede Episode einen eigenen, geschlossenen Spannungsbogen hat. Als Teil einer größeren, komplexeren Erzählung, die produktionstechnisch in der Einheit Staffel gedacht wird, sind es aber Folgen. Gesprächsrunden wiederum, die eigentlich gerade dadurch gekennzeichnet sind, dass sich die einzelnen Gespräche im Verlauf eines Podcasts zu einer großen Unterhaltung verweben, würde ich eher als Episoden bezeichnen, weil sich diese große Handlung erst im Sprechen (quasi im atmosphärischen Rückblick) ergibt.

Episodisches Erzählen und Erzählen in Episoden

Nachdem ich im Post zur DNA von Podcasts mit dem Wort “Episodizität” um mich geworfen hatte, musste ich dann doch mal nachschlagen, was das eigentlich heißen könnte.

Fündig bin ich zum Beispiel bei Florian Kragl geworden. Der grenzt episodische Erzählformen so ein:

  • Die Episoden müssen in in einem lineraren Zusammehang stehen, sodass an von der selben Geschichte sprechen kann.
  • Die Protagonisten dürfen nicht wechseln.
  • Die Handlung muss durch relativ abgeschlossene Abschnitte erzählt werden.

„Episodisch ist ein Erzählen, das (1) in sich zu episodenhaften Teilen von relativer Autonomie und relativer Geschlossenheit aufgefächert ist, wobei (2) die narrative Verfasstheit, mehr noch aber die medialen Gegebenheiten ausschlaggebend dafür sind, dass diese episodenhaften Teile als Erzähleinheit wahrgenommen werden.“

Florian Kragl: Episodisches Erzählen – Erzählen in Episoden, in: DIEGESIS 6, Nr. 2 (2017).

Über diese Bedingungen kann man diskutieren, aber Podcasts lassen sich als Medienanordnung so schon mal beschreiben: Der Feed stellt den linearen Zusammenhang her, in den meisten Fällen gibt es irgendeine Art von Host, und wenn auch nicht unbedingt als Erzählung (siehe Folge) sind die Episoden zumindest als Audiofiles geschlossene Sinneinheiten.

Episodisches Erzählen zeichnet sich laut Kragl oft durch „bombatisch inszenierte Schlüsse“ aus, weil diese Schlüsse die vielen vorangegangenen Episoden narrativ zusammenhalten müssen. Dem gegenüber stellt er das Erzählen in Episoden. Ein typisches Beispiel dafür sind Sitcoms, in denen eigentlich kaum Charakterentwicklung stattfinden kann, weil am Ende jeder Folge alles wie am Anfang sein muss. Erzählen in Episoden rückt also die Einheit der Episode in den Vordergrund. Episodisches Erzählen hingegen fokussiert sich auf die Gesamtgeschichte – es gibt ein eindeutiges vorher und nachher.

Am Beispiel von Fernsehformaten kann man diese Trennung auch mit den Bezeichnungen serial und series treffen:

„Während das serial auf das Moment der Fortsetzung setzt und eine offene, noch nicht geschriebene Zukunft impliziert, garantiert die series die fortdauernde Wiederkehr des immer gleichen Schemas und propagiert damit gerade keine offene, sondern eine erwartbare Zukunft.“

Jens Ruchatz: Sisyphos sieht fern – oder Was waren Episodenserien?, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft. Jg. 4, Heft 07 (2/2012): Die Serie, 80–89.

Die Simpsons sind eine series, Game of Thrones ein serial. Obwohl im serial zukunftsoffener erzählt wird, können series zukunftsoffener produziert werden, weil am Ende einer Staffel oder Finale kein Schluss inszeniert werden muss, der alle Fäden zusammenführt. Die große Kunst ist es deshalb, ein Staffefinale so gestalten, dass es geschlossen genug ist, um die Fans zu befriedigen, aber offen genug, um daran anzuknüpfen, falls eine weitere Staffel vom Sender bestellt wird.

Serial/Series Podcasts

Lässt sich das wieder in die Unterscheidung von Episode und Folge zurückführen? Viele Storytelling-Podcasts funktionieren wie Serien, die auf ihr Staffelfinale hin produzieren. Laberpodcasts sind oft wie der (RSS-)Feed konzeptuell eher auf die Zukunftsoffenheit hin angelegt. Dazwischen liegt ein weites Spektrum. Gute Podcasts scheinen den Spagat zwischen serial (episodisches Erzählen) und series (Erzählen in Episoden) zu schaffen, genau wie es einer neuen Generation an Serien wie Rick & Morty gelingt, ihre Protagonist:innen sich selbst im Format der animated series weiterentwicklen zu lassen. Bei diesen Podcasts liegt der Fokus auf der Episode, die aber als Teil einer Gesamtgeschichte verstanden wird, deren Zukunft noch offen ist und durch die kommenden Episoden noch hervorgebracht wird. Planbares (z B. Rahmungen, Anordnungen, Themen) trifft auf Unplanbares (Momente, Zufälle, Abschweifungen usw.).

Ich wiederhole mich: Es macht einen Unterschied, ob episodisches Sprechen zum Erzählen einer Geschichte verwendet wird oder ob das episodische Sprechen eine Geschichte erzählt.

Gute Podcasts klingen episodisch?

Galen Strawson argumentierte 2004 in seinem Artikel Against Narrativity gegen die Annahme, das unsere Selbstwahrnehmung narrativ ist (und damit alles zur Erzählung erklärt werden kann). Stattdessen müsse man in Gegenüberstellung zur Narrativität eher von Episodizität sprechen, einer offenen Wahrnehmungform des Fragmentarischen, Unverbundenen und Momentanen.

Ein Kennzeichen für das podcasthafte ist in meine Ohren, der Umgang mit der narrativen Offenheit, die sich aus der spezifischen Episodizität des Mediums Podcast ergibt. Welcome to Night ValeReply AllHarmontownThe Blindboy Podcast und selbst Fest & Flauschig gestalten diese Offenheit so, dass es schwerfällt, sie in die Kategorien der alten (geschlosseneren) Massenmedien zu einzuordnen.

Sowas zu produzieren braucht natürlich auch andere Finanzierungsmodelle, die es aber gibt. Eine Staffel in Auftrag zu geben und danach zu schauen, wie das Produkt performt hat bringt etwas anderes hervor. Tolle Sachen, keine Frage. Aufregende und innovative Feature- und Hörspielserien zum Beispiel; serielle Hörstücke, in denen virtuos mit Wahrheit und Wirklichkeit gespielt wird oder für unlösbar gehaltene Kriminalfälle gelöst werden; die auch als Podcast (Medium ?) veröffentlicht werden, aber eben nicht so klingen (Genre?)).


Der zweite Teil: “Podcasts sind mündlich und gute klingen auch so”, wird viel schwieriger, aber juckt in den Fingern. Noch viel mehr dünnes Eis. (Yeah!)