Podcasts sind episodisch und gute klingen auch so

Podcasts sind episodisch. Das ist keine Überraschung, schließlich heißt einer der Reiter in der App, über die ich sie beziehe, ja auch Episoden. Technisch bedeutet das zunächst, dass einzelne Klangeinheiten in einer Reihe stehen. Im Fall von Podcasts bedeutet es auch, dass ich die Fortsetzung dieser zusammengehörigen Reihe abonnieren kann. Egal ob per RSS oder über Spotify: In dem ich den Podcast abonniere, drücke ich mein Interesse für die noch nicht eingetretene, aber mögliche Zukunft aus. Ein Podcast im Apple Verzeichnis lässt sich zwar als abgeschlossen markieren, der Feed ist an sich aber erst mal zukunftsoffen.

Episode vs. Folge

Eine klassische Unterscheidung von Episode und Folge wäre, dass Episoden die Abgeschlossenheit einer Handlung (innerhalb einer Reihe) betonten, während Folgen eine Handlung chronologisch über mehrere Erzähleinheiten erzählen. So gesehen gibt es Podcast, die eher Folgen und welche die eher Episoden veröffentlichen. Viele der sogenannten Storytelling-Podcasts, erzählen ihre Geschichten so, dass jede Episode einen eigenen, geschlossenen Spannungsbogen hat. Als Teil einer größeren, komplexeren Erzählung, die produktionstechnisch in der Einheit Staffel gedacht wird, sind es aber Folgen. Gesprächsrunden wiederum, die eigentlich gerade dadurch gekennzeichnet sind, dass sich die einzelnen Gespräche im Verlauf eines Podcasts zu einer großen Unterhaltung verweben, würde ich eher als Episoden bezeichnen, weil sich diese große Handlung erst im Sprechen (quasi im atmosphärischen Rückblick) ergibt.

Episodisches Erzählen und Erzählen in Episoden

Nachdem ich im Post zur DNA von Podcasts mit dem Wort “Episodizität” um mich geworfen hatte, musste ich dann doch mal nachschlagen, was das eigentlich heißen könnte.

Fündig bin ich zum Beispiel bei Florian Kragl geworden. Der grenzt episodische Erzählformen so ein:

  • Die Episoden müssen in in einem lineraren Zusammehang stehen, sodass an von der selben Geschichte sprechen kann.
  • Die Protagonisten dürfen nicht wechseln.
  • Die Handlung muss durch relativ abgeschlossene Abschnitte erzählt werden.

„Episodisch ist ein Erzählen, das (1) in sich zu episodenhaften Teilen von relativer Autonomie und relativer Geschlossenheit aufgefächert ist, wobei (2) die narrative Verfasstheit, mehr noch aber die medialen Gegebenheiten ausschlaggebend dafür sind, dass diese episodenhaften Teile als Erzähleinheit wahrgenommen werden.“

Florian Kragl: Episodisches Erzählen – Erzählen in Episoden, in: DIEGESIS 6, Nr. 2 (2017).

Über diese Bedingungen kann man diskutieren, aber Podcasts lassen sich als Medienanordnung so schon mal beschreiben: Der Feed stellt den linearen Zusammenhang her, in den meisten Fällen gibt es irgendeine Art von Host, und wenn auch nicht unbedingt als Erzählung (siehe Folge) sind die Episoden zumindest als Audiofiles geschlossene Sinneinheiten.

Episodisches Erzählen zeichnet sich laut Kragl oft durch „bombatisch inszenierte Schlüsse“ aus, weil diese Schlüsse die vielen vorangegangenen Episoden narrativ zusammenhalten müssen. Dem gegenüber stellt er das Erzählen in Episoden. Ein typisches Beispiel dafür sind Sitcoms, in denen eigentlich kaum Charakterentwicklung stattfinden kann, weil am Ende jeder Folge alles wie am Anfang sein muss. Erzählen in Episoden rückt also die Einheit der Episode in den Vordergrund. Episodisches Erzählen hingegen fokussiert sich auf die Gesamtgeschichte – es gibt ein eindeutiges vorher und nachher.

Am Beispiel von Fernsehformaten kann man diese Trennung auch mit den Bezeichnungen serial und series treffen:

„Während das serial auf das Moment der Fortsetzung setzt und eine offene, noch nicht geschriebene Zukunft impliziert, garantiert die series die fortdauernde Wiederkehr des immer gleichen Schemas und propagiert damit gerade keine offene, sondern eine erwartbare Zukunft.“

Jens Ruchatz: Sisyphos sieht fern – oder Was waren Episodenserien?, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft. Jg. 4, Heft 07 (2/2012): Die Serie, 80–89.

Die Simpsons sind eine series, Game of Thrones ein serial. Obwohl im serial zukunftsoffener erzählt wird, können series zukunftsoffener produziert werden, weil am Ende einer Staffel oder Finale kein Schluss inszeniert werden muss, der alle Fäden zusammenführt. Die große Kunst ist es deshalb, ein Staffefinale so gestalten, dass es geschlossen genug ist, um die Fans zu befriedigen, aber offen genug, um daran anzuknüpfen, falls eine weitere Staffel vom Sender bestellt wird.

Serial/Series Podcasts

Lässt sich das wieder in die Unterscheidung von Episode und Folge zurückführen? Viele Storytelling-Podcasts funktionieren wie Serien, die auf ihr Staffelfinale hin produzieren. Laberpodcasts sind oft wie der (RSS-)Feed konzeptuell eher auf die Zukunftsoffenheit hin angelegt. Dazwischen liegt ein weites Spektrum. Gute Podcasts scheinen den Spagat zwischen serial (episodisches Erzählen) und series (Erzählen in Episoden) zu schaffen, genau wie es einer neuen Generation an Serien wie Rick & Morty gelingt, ihre Protagonist:innen sich selbst im Format der animated series weiterentwicklen zu lassen. Bei diesen Podcasts liegt der Fokus auf der Episode, die aber als Teil einer Gesamtgeschichte verstanden wird, deren Zukunft noch offen ist und durch die kommenden Episoden noch hervorgebracht wird. Planbares (z B. Rahmungen, Anordnungen, Themen) trifft auf Unplanbares (Momente, Zufälle, Abschweifungen usw.).

Ich wiederhole mich: Es macht einen Unterschied, ob episodisches Sprechen zum Erzählen einer Geschichte verwendet wird oder ob das episodische Sprechen eine Geschichte erzählt.

Gute Podcasts klingen episodisch?

Galen Strawson argumentierte 2004 in seinem Artikel Against Narrativity gegen die Annahme, das unsere Selbstwahrnehmung narrativ ist (und damit alles zur Erzählung erklärt werden kann). Stattdessen müsse man in Gegenüberstellung zur Narrativität eher von Episodizität sprechen, einer offenen Wahrnehmungform des Fragmentarischen, Unverbundenen und Momentanen.

Ein Kennzeichen für das podcasthafte ist in meine Ohren, der Umgang mit der narrativen Offenheit, die sich aus der spezifischen Episodizität des Mediums Podcast ergibt. Welcome to Night ValeReply AllHarmontownThe Blindboy Podcast und selbst Fest & Flauschig gestalten diese Offenheit so, dass es schwerfällt, sie in die Kategorien der alten (geschlosseneren) Massenmedien zu einzuordnen.

Sowas zu produzieren braucht natürlich auch andere Finanzierungsmodelle, die es aber gibt. Eine Staffel in Auftrag zu geben und danach zu schauen, wie das Produkt performt hat bringt etwas anderes hervor. Tolle Sachen, keine Frage. Aufregende und innovative Feature- und Hörspielserien zum Beispiel; serielle Hörstücke, in denen virtuos mit Wahrheit und Wirklichkeit gespielt wird oder für unlösbar gehaltene Kriminalfälle gelöst werden; die auch als Podcast (Medium ?) veröffentlicht werden, aber eben nicht so klingen (Genre?)).


Der zweite Teil: “Podcasts sind mündlich und gute klingen auch so”, wird viel schwieriger, aber juckt in den Fingern. Noch viel mehr dünnes Eis. (Yeah!)

Richard Berry: There are just 3 types of podcast

In den Podcastverzeichnissen wird normalerweise mehr oder weniger streng nach Genre unterschieden, wobei sich diese Unterteilung größtenteils auf den Inhalt bezieht. Apple unterscheidet zum Beispiel in der Kategorie Education zwischen CoursesHow-ToLanguage Learning und Self-Improvment. Diese Titel sagen in der Regel aber nicht viel darüber aus, wie sich die Podcasts anhören.

Es gibt viele Versuche Podcasts zu typisieren. Richard Berry kondensiert in einem Blogpost verschiedene Listen1 zu drei Typen:

  1. Conversations
  2. Narratives
  3. Fictions

Let me explain. Panel shows and long form interviews are just different ways of having a conversation. These could be free flowing and sound like like the conversations we all have around the dinner table or in the pub; but could equally be a very directed in-depth interview on a topic. Are two or more people talking to each other? It’s a conversation. Many podcasts use a narrative structure, whether this is a multiple-episode documentary, a news podcast that explores a topic, or a single voice telling a story. If it’s structured and planned out, it’s a narrative. Conversations could have other elements inserted into them (such as another piece of audio) but if this is done in a scripted way, then this probably means it’s a piece of a narrative work. In some ways, this finally header could be dispensed with as surely all drama is narrative? But it could be useful to frame fictional work as separate so we can note it’s differences and its relevance.

Richard Berry: There are just 3 types of podcasts (29.07.2020)

Die Unterteilung ist genauso schön wie problematisch, weil jeder der Typen eine andere Ebene berührt. Conversations beschreibt, was da wie klingt (Menschen im (Selbst-)Gespräch), Narratives die Form des Gehörten (irgendeine Form von Erzählung) und Fictions dessen Bewertung und Einordnung (Muss ich mir Sorgen um Aliens machen, die in diesem Moment die USA attackieren?).

Die DNA von Podcasts

Richard Berry geht es bei dieser Kondensierung um die Suche nach der DNA von Podcasts, also nach dem spezifisch podcasthaften. Der Versuch einer Übersetzung seiner Kategorien ist eine gute Gelegenheit meine Notizen zu der Frage auszugraben und mich von den Dingen abzulenken, über die ich gerade stattdessen nachdenken sollte:

  1. Conversations = Gespräche → Sprechen
  2. Narratives = Narrationen → Erzählen
  3. Fictions = Fiktionen → ?

Conversations sind Gespräche, aber vor allem sind sie Sprechend. Narratives sind Narrationen, also Erzählend. Und Fiktionen? Die Unterscheidung würde ich erstmal außen vor lassen, damit sie mir später in den Rücken fallen kann. Aus den drei Kategorien werden so für mich zwei Fragen, die ich an einen Podcast stelle.

Das Sprechen bezieht sich auf die Mündlichkeit. Das meine ich nicht nur wörtlich, weil Personen mit sich, zu den Hörer:innen oder miteinander sprechen, sondern auch im Sinn einer konzeptuellen Mündlichkeit zum Beispiel als Audiomedium im Kontrast zur mehreren hundert Jahren Schriftkultur, als Sprache der Nähe2 oder als tertiäre Oralität3 Das Internet macht unsere Kommunikation eben nicht nur visueller, sondern auch sprechender und Podcast sind ein Grund und Effekt. Wenn ich Frage, wie sprechend ein Podcast ist, dann frage ich mich ob und wie die neue digitale Mündlichkeit zu hören ist (und wonach ich da eigentlich lausche).

Erzählen bezieht sich auf den Umgang mit der Form – wie unter Podcastbedingungen erzählt wird. Richard Berry fragt, wie strukturiert und geplant ein Podcast ist. Das bezieht sich auf eine einzelne Episode, eine Staffel oder auch einen ganzen Podcast. Ursprünglich sind Podcasts technisch durch einen RSS Feed gekennzeichnet. Die Idee hinter der Technik ist, dass man nicht selber immer wieder nachschauen muss, ob es ein neues Datenobjekt an einem bestimmten Platz liegt, sondern dies von einem Programm automatisch nachschlagen lassen kann. RSS ist so eine in Internetjahren alte (1999) Lösung mit dem Problem umzugehen, Zusammenhänge zwischen einzelnen Objekten in der riesigen Datenbank herzustellen.

Offenheit und Geschlossenheit

Ein RSS Feed kann zwar als abgeschlossen markiert werden, zeigt vorher aber offen in die Zukunft. Damit ähneln die Bedingungen, unter denen erzählt wird, eher einer Vorabendserie oder dem Lagerfeuer, an dem ein Stamm jeden Abend zusammenkommt. Die einzelne Folge kann spektakulär und in sich geschlossen sein, entfaltet im Kontext der Gewissheit des Vorangegangenen und der offen gedachten Zukunft noch kommender Geschichten nochmal eine ganz andere Kraft. Nach podcasthaftem Erzählen zu fragen, bedeutet für mich deshalb zu überlegen, wie sich die gewählte Form zu dieser doppelten Offenheit und Episodizität (?) verhält.

Die technische Herleitung über RSS hinkt in Zeiten von Spotify natürlich gewaltig, denn mit den veränderten Bedingungen verändert sich auch das podcasthafte. Für mein Verständnis des podcasthaften ist die Geschlossenheit dieser Plattformen natürlich ein Problem4 und mit Geschlossenheit meine ich nicht, dass ich für den Zugang bezahlen muss, sondern dass die ökonomischen Bedingungen dieser Plattformen auch Produktionsslogiken begünstigen, welche mit er der technischhistorischen Offenheit des Mediums kollidieren. Projekte, Staffeln und Episoden werden ganz praktisch anders geplant und produziert, und so klingt das, was dabei rauskommt natürlich auch anders. Es wird weniger abgeschwiffen, weniger gelabert, weniger offen gesprochen, sondern mehr Text aufgesagt.5

Vor dem Hintergrund der Fragen nach Mündlichkeit und der offenen Erzählform (?) würde ich so sagen, dass es beim Podcasthype ein großes Missverständnis gibt: Es geht beim podcasthaften nicht darum Geschichten in Sprechen zu verpacken, sondern Sprechen dem Raum und den Rahmen zu geben, um etwas zu erzählen. Was nicht heißt, dass es für das andere gerade keinen Markt gibt, der ist wahrscheinlich sogar viel größer, hat meiner Meinung nach aber eher mit der Fokussierung auf Audio und die neue Mündlichkeit im Allgemeinen zu tun.

Fragen für die nächste(n) Woche(n)

Fest & Flauschig und Reply All sind mit diesen Fragen im Kopf beide podcasthaft. Beides sind Gespräche, aber das eine folgt einer strikteren Inszenierungsstrategie. Beide klingen mündlich (aural, oral, nah), aber das eine denkt sich stärker als geschlossener Erzählbogen einer Folge. Wie bewerte ich jetzt, welcher Podcast sprechender oder narrativ offener(?) ist, bzw. wie müsste ein Koordinatensystem aussehen, in dem ich auch Serial, Podlog, The Blindboy Boatclub, Sein und Streit und happy, holy & confident eintragen kann? Wie heißen die Achsen? Sekundäre Oralittät ←→ tertiäre Oralität und offene Erzählstruktur ←→ geschlossene Erzählstruktur? Aber was meine ich damit eigentlich?


Aaron Z. Lewis: The Garden of Forking Memes

How Digital Media Distorts our Sense of Time (07.07.2020)

Als PoC in den USA wurde in Aaron Z. Lewis Familie genau überlegt was über die Vergangenheit erzählt wurde und was nicht: „Artful forgetting for the sake of affirming the family’s self worth“. Erzählen bedeutet immer auch zu entscheiden, was weggelassen und vergessen wird.

Unter Internetbedingungen sind solche ausgesuchten Erzählungen der Herkunft und Identität unmöglich. In der Datenbank sind Bedeutungen und Zusammenhänge nie fix, sondern stehen als Möglichkeiten nebeneinander. Und auch das Vergessen fällt schwer, denn das Internet ist ein digitaler Friedhof. Die Informationen aus der Vergangenheit kommen immer wieder zu mir zurück und werfen mich aus der Zeit. Ich erlebe keine verarbeitete Erinnerung, keine geteilte Geschichte, sondern untote Ausschnitte der Vergangenheit.

L. M. Sacasas: Narrative Collapse


In seinem Newsletter The Convivial Society vom 14.06.2020 schreibt L. M. Sacasas über Narration als Technologie, und wie diese Technologie im Zeitalter der Datenbanken an ihre Grenzen stößt. Dabei bezieht er sich auf Narrative and Database: Natural Symbionts von N. Katherine Hayles (die mit ihrem Text wiederum auf Ed Folsoms Database as Genre: The Epic Transformtion of Archives reagiert (und sich auf The Language of New Media von Lev Manovich bezieht (usw. (♥)))).