L. M. Sacasas: Narrative Collapse


In seinem Newsletter The Convivial Society vom 14.06.2020 schreibt L. M. Sacasas über Narration als Technologie, und wie diese Technologie im Zeitalter der Datenbanken an ihre Grenzen stößt. Dabei bezieht er sich auf Narrative and Database: Natural Symbionts von N. Katherine Hayles (die mit ihrem Text wiederum auf Ed Folsoms Database as Genre: The Epic Transformtion of Archives reagiert (und sich auf The Language of New Media von Lev Manovich bezieht (usw. (♥)))).

Worum geht es ihm. Die Kurzfassung.

Erzählen stiftet Sinn im Chaos der Welterfahrung. Narration gehört zum Standardwerkzeug der Weltbewältigung. Narration ist an die Linearität der Sprache1 und Zeitlichkeit von Kausalzusammenhängen gebunden. Die Dinge haben einen Anfang und ein Ende. Es geht nicht nur um das Was, sondern auch das Wie und Warum Ereignisse und Handlungen zusammenhängen. Unter massendigitalen Bedingungen scheint diese alte Technologie nicht mehr richtig zu funktionieren. Es bleibt viel mehr Chaos übrig. Aber was ist jetzt anders als früher? Scalepace und pattern menschlicher Kommunikation.

  1. Scale: Die Menge an Informationen, die uns erreicht und zirkuliert ist viel größer.
  2. Pace: Der Rhytmus und die Geschwindikeit mit der sie uns erreicht ist viel schneller.
  3. Pattern: Die Informationen erreichen uns eher in Form von Datenbanken als in Geschichten.
    Sacasas geht es vor allem um den letzten Punkt:

„When you read a narrative, for example, you are encountering the product of a series of choices that have already been made for you by the author out of a myriad of possibilities from the database of language. The countless other choices that were possible are present only to the imagination. You see the words the author chose, not the ones she could’ve chosen. You see the path marked out for you as a reader, not the multiple paths that were rejected. When you encounter a database, however, you see the opposite. You see the field of possibility and any number of paths through the database remain hypothetical and potential.“

L. M. Sacasas: Narrative Collapse, in: The Convivial Society: Vol. 1, No. 11.

Der Weg durch die Daten ist in der Datenbank nicht fix und ihre Bedeutung und ihr Zusammenhang ist noch nicht festgelegt. Datenbanken können im Gegensatz zu Narrationen neue Daten hinzufügen, ohne die Geschlossenheit der Erzählung zu zerstören. Auch wenn die einzelnen, tatsächlichen Datenbanken in massendigitalen Medien die meiste Zeit hinter Interfaces versteckt sind, lässt sich die Bewegung durchs Internet laut Sacasas eher als Datenbankerfahrung beschreiben. Damit will er nicht sagen, dass im Internet nicht mehr erzählt wird. Ganz im Gegenteil. Aber diese ganzen Narrationen sind Teil einer Datenbankerfahrung und jede ein Eintrag in dieser. Selbst in den Interfaces sind die anderen Möglichkeiten ständig latent präsent. Wir wissen das wir uns nicht auf einer Straße befinden, sondern auf einem Ozean.2 Deshalb gibt es zwar ganz viele Narrationen, aber es kommen keine sinnstiftenden, mit Legitimität versehene Narrative zustande.

„Provisional Inventory of Consequences“

Aus dieser Gegenüberstellung leitet L. M. Sacasas eine Liste von 15 Konsequenzen ab. Dabei verwendet er Narrative (großes N) als die Beschreibung für die „traditional deference and reliance on authoritative, comprehensive narratives“ (also eher Narrativ statt Narration) und Database (großes D) für die Datenbankerfahrung des „digital media environment taken as a rather messy whole“. Die meisten seiner Konsequenzen haben mit dem Autoritätsverlust der Narration als Narrativ zu tun. Nach den “großen Erzählungen” geht es auch den mittelgroßen und kleinen Erzählungen den Kragen:

„1. The Database tolerates, indeed encourages narratives, but it cannot sustain and actively discourages Narratives.

3. Narratives seek closure (the story must end). The Database is open-ended (it assimilates new data indefinitely). The Database resists the Narrative impulse to control and stabilize meaning.

[…]

4. The inability to establish Narratives yields an experience of perpetual flux, unsettledness, instability. It amplifies a sense of disorder. Consequently, it can also yield the impulse to impose order by whatever means. Losing your Narrative is traumatic.

[…]

7. The Database dramatically expands access to information, challenging the authority of even the most venerable professional weavers of Narrative. Official narratives are just one more datapoint, one more entry in the Database, one way among many of generating a path through the entries.“

L. M. Sacasas: Narrative Collapse, in: The Convivial Society: Vol. 1, No. 11.

Kennzeichnend hierfür ist z.B der Autoritätsverlust von Journalist:innen und immer größere Verzweiflungsbudgets in Marketingabteilungen.

„10. In the post-Narrative age of the Database, we all assume responsibility for improvising our own, often tentative and fragile, narratives about both the world and ourselves. Because narrative is so critical to our sense of identity, however, we are tempted to zealously guard our narratives.

[…]

11. The untamed memory that is characteristic of the Database undermines the traditional functions of Narrative. The Database cannot account for development across time. Redemption, for example, is a category that only makes sense in narrative terms. Only narrative can temporally relativize the meaning of words and deeds. The Database cannot render judgments of this sort. Every entry carries equal weight.

[…]

12. Relatedly, the only way to manage memory in the Database, and thereby attempt to establish a N/narrative, is to delete entries altogether. Otherwise, your N/narrative could be upended at any moment by the unaccounted for entry.“

L. M. Sacasas: Narrative Collapse, in: The Convivial Society: Vol. 1, No. 11.

Siehe Twitter oder Wikipedia mit seinen Lösch-, Sperr-, Relevanz- und Blockdebatten.

„13. The rhetoric of persuasion in the Database amounts to one principle: repetition.“

L. M. Sacasas: Narrative Collapse, in: The Convivial Society: Vol. 1, No. 11.

Diesen Punkt finde ich besonders interessant, weil er den mündlichen, bzw. den vorschriftlichen Charakter der Kommunikation in der Datenbankerfahrung betrifft. Aber ich muss dabei auch an Walter Benjamin denken, der beschwert sich nämlich in Der Erzähler:

„Immer seltener wird die Begegnung mit Leuten, welche rechtschaffen etwas erzählen können. Immer häufiger verbreitet sich Verlegenheit in der Runde, wenn der Wunsch nach einer Geschichte laut wird.“

Walter Benjamin: “Der Erzähler”, in: Gesammelte Schriften, Bd. IV, S. 439.

und er glaubt auch zu wissen warum:

„[…] beinah nichts mehr, was geschieht, kommt der Erzählung, beinah alles der Information zugute. Es ist nämlich schon die halbe Kunst des Erzählens, eine Geschichte, indem man sie wiedergibt, von Erklärungen freizuhalten. […] Die Information hat ihren Lohn mit dem Augenblick dahin, indem sie neu war. Sie lebt nur in diesem Augenblick. Sie muss sich gänzlich an ihn ausliefern und ohne Zeit zu verlieren sich ihm erklären. Anders die Erzählung: sie verausgabt sich nicht.“

Walter Benjamin: “Kunst zu erzählen”, in: Gesammelte Schriften, Bd. IV, S. 436f.

Das ist ein weiterer wichtiger Unterschied von Narration und Datenbank: Datenbanken können schlechter mit Uneindeutigkeiten umgehen. (Und von denen gibt es in der Datenbankerfahrung eine ganze Menge.)

„Narratives gesture toward the inexplicable, the unspeakable, the ineffable, whereas databases rely on enumeration, requiring explicit articulation of attributes and data values.“

N. Katherine Hayles: Narrative and Database: Natural Symbionts, S. 1605.

Während man Anfang des 20. Jahrhunderts noch daran glaubte mit genügend Informationen durchsetzt den Erzählungen Autorität verleihen zu können, tun wir noch so, als gäbe es Erzählungen, mit denen wir die Informationen bändigen können.

So?

An dem Punkt geht mein Kopf in die Mittagspause. Ohne Cliffhanger, Fazit oder ein to be continued. Im nächsten Tab wartet immer etwas Neues und Spannenderes.

Nachtrag:

Sacasas reicht noch ein PS hinterher (Narrative Collaps: An Addendum). Drei Zitate daraus, zur Ablage für die Suchmaschine:

„[Charles] Taylor evoked the metaphor of a nova effect, which leads me to suggest that we can now speak of a supernova effect. Identifying trend lines and historical trajectories along which we are traveling can lull us into imagining that things will steadily develop along familiar and predictable lines. But, as the McLuhans noted in their tetrad of media effects, “every form, pushed to the limit of its potential, reverses its charactersistics.” Pushed to the limit, narrative technology reverses its sense-making function, becoming rather a source of confusion and disorientation.“

L. M. Sacasas: Narrative Collapse: An Addendum, in: The Convivial Society: Dispatch, No. 7

„[…] I almost concluded the essay with “TLDR, Jean-François Lyotard was right.” But I didn’t because that was a bit too trite […].“

L. M. Sacasas: Narrative Collapse: An Addendum, in: The Convivial Society: Dispatch, No. 7

„I have always been taken by Walter Ong’s claim that writing heightens consciousness. The basic idea is that the act of writing fosters self-awareness as you reflect explicitly on what it is that you want to say and how best to say it. In Ong’s view, this eventually generates an “intolerable ironic load.” It seems to me that every new media technology likewise generates a heightened sense of self-awareness as the more or less spontaneous act of communication is filtered through the medium in question and becomes to some not insignificant degree conscious and studied (“Act naturally!” is the corollary imperative).“

L. M. Sacasas: Narrative Collapse: An Addendum, in: The Convivial Society: Dispatch, No. 7

  1. Ist das so?
  2. Wie passt das zur Generation, die sich nur in Apps bewegt und für die Websites so altmodisch und formell sind wie E-Mails oder Briefe?

3 Antworten auf „L. M. Sacasas: Narrative Collapse“

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