Digitale Gegenöffentlichkeiten und der desillusionierte Zettelschreiber

In den letzten Wochen sind mehrere Links liegen geblieben, die mehr als einen Tweet verdient hatten und bei denen ich immer wieder auf den richtigen Moment gewartet habe, um sie zu verschriftlichen. (Das ich auf diesen Glauben auch immer wieder reinfalle…) Dann halt ohne den richtigen Moment:

humdogPandora’s Vox – On Community in Cyberspace (1994)

„when i went into cyberspace i went into it thinking that it was a place like any other place and that it would be a human interaction like any other human interaction. i was wrong when i thought that. it was a terrible mistake.“

Pandora’s Vox – On Community in Cyberspace (1994)

Ein angeblich einflussreiches Essay aus dem alten Internet, aber was weiß ich schon, 1994 war ich zwar schon geboren, aber meine Aufmerksamkeit war noch ganz auf Essen, Schlafen und unterhaltsame Grimassen über meinem Bett gerichtet. Humdog beschreibt, wie sie realisiert, dass es im Internet nicht um das Abbauen von Hierarchien geht, sondern darum, als User und als Persönlichkeit zur Ware zu werden. In den 2020ern ist das vielleicht keine Überraschung mehr, aber verändert hat es sich eben auch nicht. Auch die Überraschung darüber ist immer wieder die Gleiche. Und egal wie fortgeschritten die Bild- und Videotechnologie ist, auch heute muss ich mich Cyberspace mit meinem Körper- und Menschsein beweisen.

„many times in cyberspace, i felt it necessary to say that i was human. once, i was told that i existed primarily as a voice in somebody’s head. lots of times, i need to see handwriting on paper or a photograph or a phone conversation to confirm the humanity of the voice, but that is the way that i am.“

Pandora’s Vox – On Community in Cyberspace (1994)

Ich beweise mich gegenüber Captchas, Bots gegenüber mir und vor allem rufe ich mich im Bewusstsein der anderen als Entität hinter der Warenfront in Erinnerung. Früher reichte dafür ein Bild, heute muss es mindestens ein “authentisches” Video mit Kopfbewegungen sein, die für Deepfakes noch zu kompliziert sind.

1994 ist dieser Cyberspace auch noch ein Ort, den man verlassen kann, in dem man sich physisch von der Maschine entfernt:

„when i left cyberspace, i left early one morning and forgot to take out the trash. two friends called me on the phone afterwards and said, hummie your directory is still there. and i said OH. and they knew and i knew, that it was possible that people had been entertaining themselves with the contents of my directories. the amusement never ends, as peter gabriel wrote. maybe sometime i will rant again if something interesting comes up. in the meantime, give my love to the FBI.“

Pandora’s Vox – On Community in Cyberspace (1994)

<3 give my love to the FBI Verfassungsschutz.

Caroline Busta: The internet didn’t kill counterculture—you just won’t find it on Instagram

„While climate change is a shared concern for many younger people, their responses might be more accurately understood as competitive-futurist than countercultural. […] there is little consensus over who or what they are specifically opposing. This is wise in an era when the complexity of global crises makes it exceedingly difficult to effectively isolate responsible parties. How would one even begin to hold, say, Apple accountable for all of the externalities within the life of an iPhone? Who among us could easily give up our connectivity and still be economically and socially okay? It’s as if, having grown up on a fully networked Earth, Gen Z has bypassed counterculture, finding it futile in the face of a hegemonic system that more clearly resembles a Hydra than the monolithic forces that legacy counterculture was rebelling against.“

The internet didn’t kill counterculture—you just won’t find it on Instagram (14.01.2021)

Genau das, was die Überschrift sagt, aber noch mehr. Was morgen relevant ist, findet nicht im offenen (durchsuchbaren) Internet oder im Dark Web statt, sondern in halböffentlichen oder zugangsbeschränkten Räumen – im “dark forest” oder im Cozyweb. Auch auf einem Discord Server, zu dem ich mir den Zugang per Patreon gekauft habe, bin ich im Sinne von humdog noch eine Ware, aber sobald ich diesen Wegzoll bezahlt habe, versucht zumindest die Plattform mein Verhalten nicht mehr zu monetarisieren.

„To be truly countercultural today, in a time of tech hegemony, one has to, above all, betray the platform, which may come in the form of betraying or divesting from your public online self.“

The internet didn’t kill counterculture—you just won’t find it on Instagram (14.01.2021)

Bildet banden, verratet die Plattformen und baut euch eine Kistenburg. Die bekanntesten Beispiele der letzten Jahre dafür kommen wahrscheinlich von der neuen Rechten, aber zu dieser Bewegung weg von den großen Plattformen würde ich auch das handgemachte Internet zählen. Das ist offen (durchsuchbar) und am Ende des Tages einfach nur das, womit das WWW angefangen hat: Seiten, die aufeinander verlinken. Während der Brutalist Webdesign Trend der Plattformeinheitlichkeit eine ästhetisierte Kantigkeit entgegen gesetzt hat, geht es bei der aktuellen Neubelebung des Hyperlinkwebs und dem Trend zur eigenen (selbstgemachten) Website eher um die Rückzugsbewegung in den eigenen Raum. Die Seite wird dabei eher als Ausdrucks- und sich verändernde Arbeitsumgebung begriffen. Das war in 90er und frühen 2000ern vielleicht auch so, moderne Webtechnologien machen es aber einfacher, diesem Anspruch auch wirklich gerecht zu werden. Dienste wie neocities.org (“GeoCities-like website for the modern web”) oder glitch.com produzieren auch Seiten, die so aussehen wie modernere Versionen des alten Webs – glaube ich zumindest. Ich kenne schließlich auch nur die in Archiven einbalsamierten HTML-Überbleibsel der 90er und die Ruinen, welche die Zeit überdauert haben, weil die Server der Uni einfach weiterlaufen.

Linkverzeichnisse wie Gossip’s Web und href.cool sind ein guter Einstieg in diesen Teil des Webs. Im handgemachten Internet werden die Utopien gedacht, die in den Schattencommunities zur Wirklichkeit reifen.

Robert Minto: Rank and File. What if my note-taking system could think for me?

„After the failure of my zettelkasten to write my dissertation for me, I finally had to acknowledge that something had been wrong about the advice I received so many years before: a scholar’s notes were not a life’s work, but only a tool. Or perhaps I had misunderstood the advice. After all, the professor who so memorably impressed the notion upon me had only begun taking notes in order to catch up in school, and he kept taking them to write his books and prepare his brilliant lectures — note-taking might have been the major site of his labor, but it was never the goal of his work. I had misplaced the focus and meaning of intellectual activity onto the act of taking notes, like someone deciding that the point of eating was the gurgling metabolic activity of their stomach rather than either the taste of food or the effect of nutrition.“

Rank and File (04.01.2021)

Schuldig im Sinne der Anklage. Erst RoamResearch, dann Obsidian, aber die Vorstellung des zweiten, erweiterten Gehirns, das sich im Gegensatz zum weichen Klumpen im Kopf editieren, organisieren und als Sicherheitskopie ablegen lässt, ist einfach zu verführend. „Wenn ich nur alles aufgeschrieben und alles vernetzt habe, dann werden sich alle meine Fragen und das Gefühl des kleinen Boots auf hoher See auflösen. Dann bin ich produktiver und schlauer und schöne Frauen ignorieren meine große Nase und meinen Sprachfehler, sondern sehen meine beiden goldenen Gehirne, meine brillanten Texte und die hübschen Netzwerke, die ich zwischen ihnen spanne …“ (So?)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.