COVID19 Memes, Marxisten auf TikTok, Panik vor Bots und das Massensterben der Narrative

Joshua Citarella: Marxist memes for TikTok teens: can the internet radicalize teenagers for the left?

The next generation of political radicals will have passed through some form of these online political spaces and will bring with them many of the oddities, peculiarities and baggage of internet subcultures. Artists spend a great deal of time thinking about utopias and speculative visions of the future. Put simply, there is no desirable scenario that does not involve a revitalized left in the United States and abroad. Social media is already having the inadvertent effect of politicizing young people anyway. So we might as well put serious thought into making it work for us.

Marxist memes for TikTok teens: can the internet radicalize teenagers for the left? (12.09.2020)

Radikalisierung als Chance und Aufgabe? Die alte/neue Rechte hat schon in den 90ern verstanden, dass marschieren nicht reicht, sondern das man auf dem Dorffest am Grill stehen muss. Wenn wir die digitalen Jugendzentren zurückerobern wollen, müssen wir auch etwas zu bieten haben.

Crystal Abidin: Meme factory cultures and content pivoting in Singapore and Malaysia during COVID-19

Der Titel sagt es. Meme-Fabriken in Singapur und Malaysia und wie sich ihr Output durch COVID-19 verändert hat. Es gibt auch eine vereinfachte Version des Artikels (aber mit weniger Bildmaterial). Und wer macht jetzt bitte die Analyse für den deutschsprachigen Raum?

Kristian A. Bjørkelo: “Elves are Jews with Pointy Ears and Gay Magic”: White Nationalist Readings of The Elder Scrolls V: Skyrim

Keine Ahnung, wie ich darauf gestoßen bin, aber die Frage, die hier im Bezug auf Skyrim gestellt wird, betrifft natürlich auch das Internet an sich: Wie viel Verantwortung haben die, welche die Open World designen und bauen für das, was damit gemacht wird?

Brian Justie: Bot or Not

Zur Geschichte und Gegenwart von CAPTCHA-Tests und der Panik vor Bots:

„The standalone “I’m not a robot” checkbox that users often encounter is a decoy: The necessary evidence has already been gathered by the time you click it […] there are no longer bots on one side and humans on the other, neatly classified along predetermined ontological lines by their respective capacities for perception, interpretation, and judgment. Instead there are only data producers: Some produce data that is more bot-like, and some produce data that is more human-like.“

Bot or Not (21.09.2020)

L. M. Sacasas: What Do Human Beings Need?: Rethinking Technology and the Good Society

L. M. Sacasas fasst seine Essays meistens wunderbar selbst zusammen. Und auch diese Ausgabe seines Newsletters ist wieder durchtränkt von Verweisen, die man lesen könntesolltemüssteseufz.

„I’ve argued before in this newsletter and elsewhere that one of the salient features of digital culture is the rapid collapse of the ideals of neutrality and disinterested objectivity that have been central to the legitimacy of modern liberal institutions. While this collapse will continue to be attended by varying degrees of turmoil and conflict, it may also provide us with an opportunity to examine more carefully some of the assumptions that have informed the way we think about the nature of a good life. And I would suggest that we do well to start, as Simone Weil did, with a consideration of the full range of human needs, clarified by Ivan Illich’s searching critique of the needs engendered in us by industrial (and now digital) institutions, and oriented toward a more robust vision of a good society as Albert Borgmann urged us to imagine.“

What Do Human Beings Need? Rethinking Technology and the Good Society (29.09.2020)

Antonio Garcia-Martinez im Gespräch mit Martin Gurri: The Prophet of the Revolt

„[…] the news has always been fake and the histories at least partly (if not wholly) contrived. Read a French history of Napoleon and compare it to an Anglo one. Or for that matter, read your typical (lefty) English-language take on Cuba, vs. a Spanish language one. But they were self-consistent narratives maintained within meaningful political and linguistic borders. As flawed as these narratives were and are–the map was very definitely not the territory–they were coherent worldviews that helped that society navigate reality. Now those guiding (but also blinding) narratives are gone. Social media has served as a sort of society-wide bodycam: the institutional abuse was always there, now we’re simply seeing it.“

The Prophet of the Revolt: Martin Gurri and the ungovernable public (18.09.2020)

Oha. Hängengeblieben bin ich aber an einer anderen Formulierung, dem Massensterben der Narrative. Das dreht mir dem Magen um. Aber dem Gefühl nachzugehen ist mir heute zu gefährlich, ich ziehe mich lieber in die Datenbank zurück.

Oberflächengeräusche, die drei Siebe des Sokrates, Functional Techwear und Squad-Wealth

Damon Krukowski: Oberflächengeräusch

Ein Auszug aus The New Analog. Listening and Reconnecting in a Digital World (2017) übersetzt von Moritz Baßler über automatische Rauschreduktion und das Ende des Naheffekts.

„Die Stille am Mobiltelefon nennen Toningenieure ›digitales Schwarz‹. Digitales Schwarz ist nicht einfach die Abwesenheit eines Signals, sondern die Abwesenheit von Rauschen. […]

Ähnlich wie die Navigation per GPS platziert die digitale Signalverarbeitung des Handys die Sprecherin immer im selben Nicht-Raum: weder nah noch fern, weder intim noch distanziert. Die Flachheit, die sich dabei ergibt, isoliert nicht nur die Stimme, sondern schaltet Affekt aus. Die Information ist verständlich, aber die Stimme, die sie liefert, lässt sich nur hören, niemals fühlen.

Dieses Fehlen des Naheffekts kennzeichnet auch andere Formen digitaler Kommunikation. Ein Tweet, ein Post auf Facebook, ein Instagramfoto richten sich samt und sonders an jeden, ob nah oder fern von uns, räumlich oder beziehungsweise. Genau wie am Handy wird dabei unsere Möglichkeit eingeschränkt, den Ton der Distanz anzupassen.

Digitale Medien ermöglichen eine deutliche Kommunikation über große Distanzen, aber die Kommunikation von Distanz selbst wird zur Herausforderung. Online und am Telefon steht jeder in derselben räumlichen Beziehung zu allen anderen. Der Naheffekt ist eliminiert.“

Damon Krukowksi: Oberflächengeräusch (07.09.2020)

Ich stimme zu, dass Rauschen (akustisches Abschweifen vom Signal) Kontexte, Affekte und Distanzverhältnisse erzählt, und auch, dass die Kommunikation von Entfernung in digitalen Medien schwieriger geworden ist, aber eliminiert ist der Naheffekt auf gar keinen Fall. Vielleicht lässt es sich akustisch nicht mehr so einfach festmachen, seitdem alle* Podcaster:innen und Streamer:innen so klingen wollen wie Joe Rogan, aber Twitch, YouTuber, Instagram usw. platzen nur so von Inszenierungen von Nähe und Distanz. Gerade weil alles gleich sauber klingt und aussieht, gibt es einen Wettbewerb um die Gestaltung von künstlichem Rauschen. Akustisch meint das zum Beispiel den Einsatz von Hintergrundmusik, vom Chat getriggerte Soundeffekte oder wie Gesprochen wird. Gelaber ist zum Rauschen gemachte Sprache, die Nähe oder Distanz erzeugt, je nachdem, ob es mir etwas bedeutet.

Werner Stangl: Die drei Siebe des Sokrates – Wahrheit – Güte – Notwendigkeit

„Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Bist du dir sicher, dass das, was du mir erzählen möchtest, wahr ist?“ „Nein, ich habe gehört, wie es jemand erzählt hat.“ „Aha. Aber dann ist es doch sicher durch das zweite Sieb gegangen, das Sieb des Guten? Ist es etwas Gutes, das du über meinen Freund erzählen möchtest?“ Zögernd antwortete der Mann: „Nein, das nicht. Im Gegenteil….“ „Hm,“ sagte Sokrates, „jetzt bleibt uns nur noch das dritte Sieb. Ist es notwendig, dass du mir erzählst, was dich so aufregt?“ „Nein, nicht wirklich notwendig,“ antwortete der Mann. „Nun,“ sagte Sokrates lächelnd, „wenn die Geschichte, die du mir erzählen willst, nicht wahr ist, nicht gut ist und nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste mich nicht damit!“

Werner Stangl: Die drei Siebe des Sokrates – Wahrheit – Güte – Notwendigkeit

Viele Chats haben eine automatische SPAM- bzw. Anstandserkennung. Wären die drei Siebe nicht eine Idee für die Grauzonen, wenn sich der Computer nicht sicher ist? „Ich weiß nicht, was du da vorhast, aber bevor du diese Nachricht abschickst, sage mir…“

David Nichols: The Rise of Functional Techwear, Drive-In Walmart Movie Theaters, and the Dark Souls FPS

In seinem Newsletter The Land of Random schreibt David Nichols über eine neue Generation von Functional Teachwear, also klassisch deutsche Funktionskleidung gepaart mit Silicon Valley Ideologie und einer Prise Endzeitästhetik.

Dazu passend Cloothing As Platfom von Rachel Huber u. a. über “smarte” (also Daten sammelnde) Kleidung und Luxumarken, die RFID Chips nutzen wollen, um die Bewegung des Kleidungsstücks zum Kunden und vor allem auf dem Gebrauchtmarkt und durch die Hände von Resellern verfolgen zu können.

Other Internet: Squad-Wealth

Der Thinktank sry Squad Other Internet denkt über sich selber nach. COVID-19 hat gezeigt, wie schwer es in der Gegenwart ist, als Individuum über die Runden zu kommen. Noch stärker auf Gruppenresilienz zu setzen hieße aber auch, finanzielle Risiken zu teilen. Aber wie funktioniert das für privilegierte Laptoparbeiter:innen außerhalb alter sozialer Sicherungsstrukturen wie Dorf oder Familie, und zwar ohne dabei „den Vibe zu killen“? Denn der Vibe ist in der Clique alles.

Open Peer Review Podcast, P2P Networks, Kamerafallen und die Natur des Experiments

EP01: The Genetic Code of Podcasting: a new way of thinking about discoverability

„This is episode 1 of the Open Peer Review Podcast. It is intended to be a demonstration of how a podcast could be used by scholars to discuss and get peer reviews on their research before it is ‘published’ in the traditional sense (i.e. in a peer-reviewed academic journal). In this episode, researcher Lori Beckstead explains her work which attempts to identify important characteristics of podcasts, beyond a simple genre-based classification, that could be used to help determine listener preferences and improve recommendation engines.“

https://oprpodcast.ca/2020/07/19/the-genetic-code-of-podcasting-a-new-way-of-thinking-about-discoverability/

Ein sehr spannendes Projekt. Peer Review Gast in der ersten Folge ist Dario Llinares. Dazu gibt es ein Transkript, Zusammenfassung, Shownotes, ordentliche Links, Bibliografie, Zitationsvorschlag, usw. Ich will auch studentische Hilfskräfte haben, die sich um sowas kümmern!

Nur das der Podcast auf Soundcloud gehostet wird, verstehe ich nicht. Gerade mit Transkript und um gezielt auf Timecodes verlinken zu können wäre der Podlove Webplayer oder vergleichbares doch Ideal.

Cade Diehm: This is Fine: Optimism & Emergency in the P2P Network

„The last fifteen years has seen a surge of interest in decentralised technology. […] As we enter the 2020s, centralised power and decentralised communities are on the verge of outright conflict for the control of the digital public space. The resilience of centralised networks and the political organisation of their owners remains significantly underestimated by protocol activists. At the same time, the decentralised networks and the communities they serve have never been more vulnerable. The peer-to-peer community is dangerously unprepared for a crisis-fuelled future that has very suddenly arrived at their door.“

https://newdesigncongress.org/en/pub/this-is-fine/

Interview: Der Aspekt des Machens – Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger über die Natur des Experiments (als PDF)

Die Vorlesung von Stephan Porombka über Experimentalität und das Denkprogramm von Moritz Klenk für eine experimentelle Kulturwissenschaft haben mir Anfang des Jahres ordentlich den Kopf verdreht und Begriffe geliefert, um Beschreiben zu können, wie ich arbeite und gerne arbeiten würde. Einer der Schlüsselbegriffe ist das Experimentalsystem. Bei der Google-Umrundung des Begriffs bin ich auf dieses Interview mit Hans-Jörg Rheinberger gestoßen.

„AoA: Was muss man denn können, um aus der Vergangenheit zu schöpfen und in der Zukunft etwas zu entwickeln? Was sind das für Eigenschaften, Kompetenzen oder Haltungselemente?

Hans-Jörg Rheinberger: Ich glaube, dass man in einen Prozess der Auseinandersetzung einsteigen und sich auf diesen wirklich einlassen muss, mit all den Fähigkeiten, die man als Person zur Verfügung hat. Diese können ja ganz unterschiedlich sein. Ich würde nicht sagen, dass es einen Katalog gibt, den man abhaken könnte, und wenn man alle Punkte erfüllt hat, dann ist man besonders kreativ. Davon halte ich nichts. Das Sich-Einlassen auf einen Prozess erfordert Geduld. Die besten Sachen ergeben sich nicht momentan, sondern aus einem iterativen Prozess. Das kann man aus der Perspektive der eigenen Arbeit betrachten, aber man kann es natürlich auch in einem größeren historischen Kontext sehen, wie der Kunsthistoriker George Kubler es einmal formuliert hat: Man steht am Ende von Schächten, die andere gegraben haben, und dass sie gerade in diese Richtung gegraben wurden und nicht in eine andere, liegt nicht in unserer Verfügung, das ist der bisherige historische Prozess, der eben in dieser Form stattgefunden hat und nicht in einer anderen. Da steht man nun und fragt sich, in welche Richtung man versuchen soll, diesen Raum weiter zu öffnen. […] Die künstlerische und wissenschaftliche Betätigung sind nicht als teleologischer Vorgang, also von einem Ende her, zu verstehen. Sie sind eher ein Abstoßen von einem gegenwärtigen Zustand, der etwas zu wünschen übrig lässt. Aber es ist im Grunde genommen nicht klar, wohin die Reise geht. Klar ist nur, dass die Reise getan werden muss, in diesem Punkt gibt es keine Beliebigkeit. Genau das ist die Situation, in der Künstler sich in gleicher Weise befinden wie Wissenschaftler, obwohl sie möglicherweise mit völlig anderen Materialien und Techniken arbeiten.“

https://www.ageofartists.de/der-aspekt-des-machens-wissenschaftshistoriker-hans-joerg-rheinberger-ueber-die-natur-des-experiments/

Gerade beschäftigt mich nämlich die Frage, ob und wie sich meine Aha-Erlebnisse rund ums Experiment auch auf Beziehungen übertragen lassen, quasi Partnerschaft als Experiment.

Clay Mills: On -Cores

„-Core, or x-core, is a descriptor, first and foremost. It’s a vibe. It originates of course from hardcore as a music genre and movement, which described the hard “core” center of the punk movement. The vanguard. But since then, the “-core” itself has become a descriptor. Metalcore. Grindcore. Normcore. Nightcore. The wretched Nicecore. Mumblecore was a descriptor coined in 2005 by sound editor Eric Masunaga at a bar, trying to link three films which screened at that year’s South by Southwest and would later be considered pillars of mumblecore. The filmmaker who first used the term publicly, Andrew Bujalski, emphasized it wasn’t a movement per say, that he wasn’t trying to make mumblecore “on purpose.” This is now the usual mode for -cores: not movements, not even necessarily emergent trends, though that is somewhere closer to the truth. At its purest, it’s a descriptor of interlinked phenomena. Words evade it but long descriptions and analyses will do, and these descriptions become bundled up in a particular -core.“

https://docs.google.com/document/d/13-qLZzgENG8Rbacf68agh0XC7a1YVgHInGJ2oMQsbFY/edit

Ein Link der Scham. Seit drei Wochen nehme ich mir vor tiefer in dieses bunte 70-Seiten Biest über -Cores einzulesen, aber die vielen Links machen mir Angst verloren zu gehen.

Lauren Collee: Camera Traps

„In other words, what we should aim for is not necessarily a forest where we can have a wild pee, peacefully, in the knowledge that our wilderness will not be disturbed by technological blinking eyes. As long as these eyes are entangled in murky regimes striving towards omnipresent vision, we have ample reason to distrust them. But it is possible to build a world in which we don’t have to distrust our technological devices; in which we walk through the forest, and hear the whirring and clicking and silent heartbeat of various monitoring devices, and feel comfortable in the knowledge that these devices are part of the ecosystem of the forest itself, operated by — and working in service of — the people, animals and plants who live there. When this is the case, their watching, their listening and their sensing should be no more unnerving to us than the watching, listening and sensing of the trees, the birds and the river.“

https://reallifemag.com/camera-traps/

Ist das wirklich möglich und/oder erstrebenswert?