Momentaufnahme zum Klang von Podcastwerbung in meinem Feed. Dieses Mal mit zwei Spots, die mir in den vergangenen Wochen negativ aufgefallen sind. Und nur vier Jahre nach dem ersten Teil dieser Reihe!
TUI
„Manchmal willst du einfach nur ans Meer oder durch die Straßen einer lebendigen Stadt schlendern oder endlich den Moment genießen. Einfach die Welt mit TUI neu erleben. Mit TUI reist du so, wie du willst. Als Familie, zu zweit oder einfach allein. Flexibel, sicher und immer mit dem guten Gefühl, dass jemand da ist, wenn es drauf ankommt. Gestalte mit TUI Urlaub ganz nach deinen Wünschen. Überall im Reisebüro, auf tui.com und in der App.“
Werbung für TUI, gehört in »Die sogenannte Gegenwart« ( „Wie links sind die Rechtspopulisten?“), heruntergeladen am 22.06.2026.
Der Anfang dieses Spots klingt, als hätte man das mit den Bildern im Kopf etwas zu ernst genommen – und gleichzeitig kein bisschen. Das Ergebnis ist die Tonspur einer unbestimmten Fernsehwerbung. Vielleicht gibt es ja sogar eine Fassung mit Bild? Ich habe zwar kein Kopfkino – das ist an sich nichts Besonderes, das hatte ich noch nie –, aber ich spüre trotzdem sofort, wie dieser Clip aussehen würde: Ich schmecke das Stock Footage, rieche die übersättigten Farben und ertaste die schnellen Schnitte. Alles ganz klar und doch unkonkret. Insofern ist die Werbung immerhin darin erfolgreich, dass ich sie sofort als Werbung erkenne.
Das Wellenrauschen und das Lachen illustrieren das Skript per Sounddatenbank ungefähr so subtil wie eine Fototapete. Dabei lassen sich Orte und Emotionen auch ohne diktierende Geräuscheffekte erzählen. Dann können auch wirklich Bilder im Kopf entstehen. Und selbst wenn es, wie bei mir, nur atmosphärische und keine konkreten Bilder sind.
Dass mich der Clip nicht an einen Strand transportiert, ist deshalb schade, aber in Ordnung. TUI verkauft nicht den Zugang zum Meer. Daran muss am Anfang nur kurz erinnert werden. TUI verkauft die Sicherheit, dass sich jemand kümmert. Das gute Gefühl, mit den Entscheidungen und Konsequenzen rund um den Urlaub nicht allein zu sein. Und das Versprechen, die Vielfalt der Möglichkeiten für mich vorzusortieren. Gleichzeitig will und muss TUI aber zeitgemäß „ganz nach deinen Wünschen“ agieren, was auf Anhieb als Geschäftsmodell und Marke nicht ohne Widersprüche zu sein scheint.
So viel gleichzeitig sein und bedienen zu müssen, führt dazu, dass ich mich bei aller betonten Einfachheit am Ende doch erst einmal zwischen Reisebüro, Website und App entscheiden muss, bevor dann „jemand da ist“. Übrigens nicht „für dich“.
Und es führt zu besonders inhaltsleeren Sätzen wie:
- „Manchmal willst du […] endlich den Moment genießen.“
- „Einfach die Welt mit TUI neu erleben.“
- „Mit TUI reist du so, wie du willst.“
Dabei gäbe es doch so viel zu sagen und vor allem zu hören: Klänge und Geräusche, die mir wirklich akustisch Fernweh machen oder mich daran erinnern, dass es Zeit für die aufgeschobene Auszeit ist. Und dann die Abkürzung dahin und die Versicherung, dass alles gut geht – serviert wie ein kühles Getränk am Pool, genau zum richtigen Zeitpunkt.
London Business School
„Picture this. You’re a rising consultant shaping a company’s future. You’re an entrepreneur seeing an opportunity and seizing it. Or you’re an investment banker advancing the world of finance. To get there, it won’t be easy, but you never wanted easy. It’s not for everyone, but you’re not everyone. Invest in your tomorrow. Search London Business School Graduate Masters now.“
Werbung für London Business School, gehört in »The Blindboy Podcast« (Episode 461, „Why internashional fashists are so interested in Ireland“), heruntergeladen am 17.06.2026.
Hier werden die Bilder im Kopf zu Beginn direkt mit der Identifikation in Auftrag gegeben („Picture this: you are […]“) und genauso bestimmt mit dem Call to Action zusammengeschnürt („Search NOW!“). Dieser Spot weiß also zumindest genau, was er will. Außerdem ist er besser getextet, dafür inhaltlich genauso elitär wie plump.
Du bist nicht wie alle anderen. In deinen Augen glänzt bereits das Geld, das du mal verdienen wirst. Jetzt musst du nur noch die Pille schlucken, die wir dir hier verkaufen. Du bist es dir doch wert, oder?
Keine Ahnung, warum ich diese Werbung überhaupt bekomme. Ich bin so weit von der Zielgruppe entfernt, dass ich eine Sinnkrise riskieren würde, wenn ich zu lange darüber nachdenke, warum es vielleicht doch passt.
Dieser Spot wurde genau wie der erste Spot mittels Dynamic Ad Injection ausgeliefert, also im Moment des Downloads dynamisch in die Datei montiert. Am wichtigsten dafür ist der Standort, von dem aus ich den Podcast herunterlade oder streame. Mit einem VPN über Holland bekomme ich also andere Spots als über mein heimisches WLAN. Dazu kommen je nach Plattform noch viele andere Nutzerdaten. Spotify könnte dem ausliefernden Server also zum Beispiel noch einiges mehr über mich und meine Vorlieben erzählen. Und selbst wenn ich die Folge ein paar Tage später über meinen Browser aufrufe, bekomme ich auch nach mehrmaligen Versuchen keine englischsprachigen Spots mehr ausgespielt. Aber mein Podcast-Client, der den RSS-Feed abfragt, beharrt auf etwas mehr Anonymität. Vielleicht hatte der Server also schlicht zu wenig Daten über mich. Im Zweifel nimmt er dann die Werbung, die auf diesem Werbeplatz gerade am dringendsten reine Masse braucht.
Oder – wahrscheinlich stimmt beides – wird hier ohnehin mit großen Kanonen auf alles geschossen, was irgendwie englischsprachig ist. Irgendjemand in einer Agentur erreicht die Ohren nicht, die er versprochen hat, hat genügend Budget zur Verfügung und muss das Netz jetzt maximal weit auswerfen, damit zumindest die Zahl im Dashboard groß genug ist und alle zufrieden ihre Berichte schreiben können.
„You’re not everyone“, raunt mir die Stimme am Ende zu.
Doch. In der Tabelle der London Business School liebend gerne.
