Tilman Baumgärtel: GIFS (+ Parallelen zu Podcasts)

Szene aus Café Müller (Pina Bausch) [aus Pina (Wim Wenders)]

2017 habe ich meine Bachelorarbeit über GIFs geschrieben. Gesten des animierten GIFs. Unterbrochene Bewegungen in Gestalt ihrer Wiederholung war der dick aufgetragene Titel und es war eine bunte Mischung aus Tanz-, Theater- und Medientheorie mit einer ordentlichen Prise Technikgeschichte. Letztere hatte ich vor allem aus dem Buch Schleifen. Zur Geschichte und Ästhetik des Loops (2015) von Tilman Baumgärtel, einem tollen Buch, in dem er die Loopkultur der Gegenwart medienhistorisch über die Avantgarden des 20. Jahrhunderts bis zum körperbetonten Kino der Attraktionen und den ersten Bewegtbildapparaten hin zurückverfolgt. 2020 ist jetzt in der sowieso empfehlenswerten Reihe Digitale Bildkulturen von ihm das Bändchen GIFS1 erschienen, dass den Kreis für mich wieder schließt und wie es Loops so an sich haben, wieder in Bewegung setzt, denn plötzlich denke ich wieder über GIFs nach. Und darüber, was GIFs mit Podcasts zu tun haben.

Unheimliche, tanzende Bilder

Im Fazit meiner Bachelorarbeit nenne ich das GIF einen Auftritt mit Wiederholungszwang. Im zeitgenössischen Tanz (oder z. B. im epischen Theater) sind Wiederholungen ein übliches Mittel, um den Blick so zu verrücken, dass die Aufmerksamkeit auf die “Wörtlichkeit” des Körpers gerichtet wird. GIFs können richtig eingesetzt einen ähnlichen Effekt haben, sind zusätzlich aber auch noch zu auf der Bühne physisch unmöglichen Jump Cuts fähig. Die Wiederholungserfahrung überlagert sich so mit dem ostentativen Moment des „Hier bin ich!“. Genau das macht sie so hypnotisierend und ausdrucksstark.

Tilman Baumgärtel findet für diese mitunter unheimliche2 Kraft der technischen Wiederholung von Bildern ein schön-brutales Zitat bei der feministische Filmtheoretikern Laura Mulvey:

„Film, der der Wiederholung und Wiederkehr unterworfen ist, leidet – wenn er über neue Technologien betrachtet wird – unter der Gewalt, die durch die Entnahme eines Fragments aus dem Ganzen verursacht wird, die, wie bei einem Körper, seine Integrität »verwundet«. Doch gleichzeitig »entschlüsselt« dieser Prozess das Filmfragment und öffnet es für neue Arten von Beziehungen und Enthüllungen”3

Laura Mulvey: Death 24x a Second. Stillness and the Moving Image, S. 179
Parallelen von GIFs und Podcasts

Das GIF macht also eine Bewegung zur Geste, indem er Anfang und Ende festsetzt, sie aus ihrem Kontext reist und kommunikativ verfügbar macht, um Dinge auszudrücken, die face to face gar nicht so ausdrückbar wären. Was der klatschende Shia Labeouf in einer Chatsituation bedeutet, ist genau so kontextabhängig wie ein “haha”, aber gleichzeitig emotional viel spezifischer. Damit ich auf dieses gestische GIF-Vokabular so einfach zurückgreifen kann, gibt es Plattformen wie Giphy und Tenor, auf die Tilman Baumgärtel im letzten Kapitel des Buchs zu sprechen kommt. Diese Plattformen haben eine große Macht über die GIFs. Weil sie kontrollieren, was in ihren Katalog kommt und was nicht, aber auch, weil sie die technische Weiterentwicklung des Mediums in der Hand haben.

Bei Podcasts erlebe ich gerade etwas ähnliches. Auch hier ist es ein mächtiger Player, der Diskussionen darüber auslöst, was denn einen Podcast überhaupt ausmacht. RSS und offene Verzeichnisse scheinbar ja nicht, denn die passen nicht in das Geschäftsmodell von Spotify. Die Genrekonflikte, die solche Fragen aufwerfen, finden aber – und auch das ist eine Gemeinsamkeit von GIFs und Podcasts – weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Warum sollte sich auch irgendjemand dafür auch interessieren. Den Marketingabteilungen und Benutzer:innen ist das Label wichtig, das die Erwartung beschreibt, was ich da zu sehen oder hören bekomme, und nicht, was technisch dahinter steht. Und doch ist es ungeheuer wichtig was dahinter steht, weil man gerade bei GIFs und Podcasts sehen und hören kann, wie die technische Geschichte des Mediums ihre Erscheinung geformt hat oder genauer: wie die Limitierungen einer technischen Anordnung kreativ genutzt wurden, um neue Formen zu schaffen.

Wenn heute auf Twitter ein GIF geteilt wird, dann handelt es sich in der Regel um keine .gif Bilddatei, sondern um eine geloopte Videodatei. Der Bezeichnung GIF hat sich von ihrem Ursprungsmedium gelöst, wird aber ihre Technikgeschichte ästhetisch nicht so einfach los: ein geloopter Filmausschnitt, der zu lang ist oder eine zu hohe Auflösung hat, fühlt sich eben nicht wie ein GIF an. Das ist vergleichbar mit digitalen Filmaufnahmen, denen in der Postproduktion eine künstliche Körnung verpasst wird, damit das Bild mehr nach “Film” aussieht.

Plattformgiganten wie Giphy oder Spotify haben mir ihrer Möglichkeit die technischen Bedienungen des Mediums zu verändern, eine nicht zu unterschätzende (und angestrebte) Macht. Spotify wäre gerne das YouTube für Audio. Gerade bei Podcasts, wo das große Geld erst in den letzten 5 Jahren in der Szene aufgetaucht ist, löst so etwas natürlich Angst aus. Aber eben nicht nur weil Spotify ein geschlossenes System ist, sondern auch, weil Spotify mit zunehmender Markdominanz auch kontrolliert, was ein Podcast überhaupt ist.

Neue Begriffe und Kategorien

Was bei solchen Prozessen herauskommt, sind neue Bezeichnungen. Tilman Baumgärtel übernimmt in seinem Buch zum Beispiel die Unterscheidung von GIF 1.0 und GIF 2.0. GIF 1.0 meint die GIFs des frühen Internets, kleine Dateien mit einfachen Darstellungen wie dem wackelnden Baustellenschild. Nachdem animierte GIFs aus der Mode gekommen waren, bekamen sie ihre zweite Chance Mitte der 2000er. Das GIF 2.0 der Filmausschnitte und Memes wäre ohne schnelleres Internet nicht möglich gewesen. Das GIF 3.0 wird dann wohl auch kein .gif mehr sein, aber Filme schauen wir heute in der Regel ja auch nicht mehr auf Film.

Und was heißt das für Podcasts? In den Podcast Studies wird oft zwischen dem Produkt Podcast und der Praxis podcasting unterschieden. Zur Praxis gehört auch die technische Umsetzung vom Mikro bis zum Kopfhörer. Was podcasting 2006, 2011, und 2019 in Deutschland jeweils bedeutet hat, lässt sich besser beschreiben, als was in diesen Jahren jeweils ein die Definition eines Podcasts gewesen ist (und ist meiner Meinung nach auch interessanter). Im amerikanischen Raum ist schon jetzt teilweise die Rede von “Indie Podcasts” und angelegt an die deutsche Radiolandschaft könnte man auch von offenen oder freien Podcasts sprechen. Aber auch solche Labels müssen sich entwickeln und werden es auch, sobald es einen Unterschied oder eine Abgrenzung gibt, der ausreichend hörbar ist, um benannt werden zu müssen. Spotify spricht z.B. mittlerweile von Shows.


Weniger allein sein, ohne dabei sein zu müssen – mein Podcastkonsum während COVID-19

Ich habe derzeit ca. 100 Podcasts abonniert. Über die Hälfte davon haben schon seit Monaten oder Jahren keine neue Folge mehr veröffentlicht und viele davon verfolge ich eher aus einem akademischen/beruflichen Interesse. Diese Liste ist also auch ein Archiv, ein Branchenüberblick und ein Forschungswerkzeug. Und trotzdem. Selbst wenn ich die Podcasts abziehe, bei denen ich nur gelegentlich reinhöre, bleiben noch zwischen 10 und 20 Podcasts übrig, bei denen ich am liebsten jede neue Folge hören würde. Und durch COVID-19 hätte ich dieses Jahr sogar zum ersten Mal die Zeit, das auch wirklich zu tun. Tatsächlich sah mein Podcastkonsum während der Pandemie aber bisher ganz anders aus:

1. Comedy und Unterhaltungsformate: Meine Wiedergabeliste ist gefüllt von Vorträgen, Diskussionen, Geschichten und Features zu Themen, die mir am Herzen liegen oder bei denen ich den Macher:innen blind vertraue, aber wenn ich die App öffne, wähle ich meistens doch etwas zum Lachen aus. Das Jahr ist schon ernst und kompliziert genug. Die Klimakrise, die neuen Faschisten und dann auch noch ein Virus. Für viele der Podcasts fehlt mir einfach die Kraft: „Lieber ein andermal, wenn ich konzentrierter/wacher/besser drauf bin“, aber dieser andere Mal kommt natürlich nicht.

Die Podcasts, die ich höre, handeln fast alle von Popkultur und Alltagserlebnissen. Es ist keine Flucht in die Weite und den fantastischen Möglichkeitsraum, sondern in die häusliche Alltäglichkeit.

2. Immer die gleichen Stimmen. Ich höre kaum neues, sondern kehre immer wieder zu denselben vertrauten Stimmen zurück. Dazu gehört, dass ich in den vergangenen Monaten deutlich weniger Interview-Podcasts gehört habe, sondern eher (Gesprächs-)Formate, die von den Hosts dominiert werden.

Der Rückzug ins Bekannte (“heimelige“) geht aber noch weiter. Wenn es keine neuen Wohlfühlfolgen mehr in der Wiedergabeliste gibt, gehe ich eher ins Archiv, als die Komfortzone zu verlassen. Es ist egal, ob eine Episode von 2012 ist. Wichtig ist, dass es eine neue Episode in meiner Beziehung zu einer Stimme ist. Die Kontinuität des Hörens ist wichtiger als der Gegenwartsbezug.

In diesen Jahr habe ich mich oft einsam gefühlt und gleichzeitig saß ich so viel am Computer wie seit meiner World of Warcraft Zeit nicht mehr. Soziale Kontakte pflege ich vor allem über gemeinsame Tätigkeiten oder einen geteilten Alltag. Kontakte, um des Kontaktes willen zu halten und zu pflegen, fällt mir schwer. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie die vergangenen Monate ohne WG und Ehrenamt ausgesehen hätten (und der Winter liegt noch vor mir). Nicht meine Freundschaften haben unter COVID-19 gelitten, sondern die Bekanntschaften. Die Eingebundenheit in oft als beiläufig abgetane Sozialgefüge und der sprachliche Kitt, der sie zusammenhält. Laberpodcasts haben einen Teil dieser Lücke gefüllt.

Podcasts sind Bekannte, die nicht verschwunden sind. Das Abonnement ist das Treffen, das nicht verabredet werden muss. Der Podcast meldet sich regelmäßig bei mir, ganz egal ob ich die letzte Folge gehört habe. Die Stimme im Kopfhörer ist mir gleichzeitig so nah und fern wie eine Person, die ich zwar freudig grüße, aber zum Abschied nie umarme. Gerade bei kaum oder ungeschnittenen und langen Formaten kann ich eine Version von (un)kontrollierter, körpernaher Verletzlichkeit hören, die ich sonst Online höchstens bei Videokonferenzen und Livestreams erlebe (da dann aber unter dem Druck der aufeinander bezogenen Gegenwärtigkeit als Beteiligter oder Zuschauer).

Margarete Stokowski beschrieb vor ein paar Tagen Podcasts als soziale-Interaktions-Simulatoren. Vielleicht ist es so einfach. In Krisensituationen übernehmen die Instinkte auch in der Podcast-App. Ich habe das Gefühl, im Kontakt zum Rudel zu bleiben. Zwar ohne mich ins Gespräch einbringen zu können, aber eben auch ohne es zu müssen – ohne mich in Gefahr zu bringen. So hört mir zwar nie jemand zu, aber wenn ich genügend ungehörte Folgen runtergeladen, dann muss mir das auch nicht auffallen, ich muss nur schnell genug auf WEITER drücken, wenn das Outro beginnt.


Apropos Gesellschaft leisten und Einsamkeit: Wenn es in den sich gerade herausbildenden Podcast Studies oder in der Werbebranche um parasoziale Beziehungen und die Intimität von Podcasts geht, dann ist man schnell bei Fan-Forschung, Communities oder Klickraten. Das lässt sich zwar gut beobachten, aber denkt die Beziehung zwischen Podcaster:in und Zuhörer:in vielleicht zu aktiv. Natürlich gibt es das auch, aber wenn man das Fernsehen verstehen will, dann schaut man sich schließlich auch nicht (nur) den Blockbuster am Abend an, sondern das Programm vor den Nachrichten.